Merck Finck & Co im Gespräch

Faszination Geschichte 

Historische Wertpapiere sind nur auf den ersten Blick ein nüchternes Thema: ein Interview mit Dr. Josef Kaesmeier, Geschäftsführer der Merck Finck Invest Asset Management GmbH und leidenschaftlichem Sammler, über Aktien auf Tierhaut, Frauenhelden, Glücksspieler und die Faszination von Geschichte.

Dr. Kaesmeier, wann wird Ihre Sammlung perfekt sein?
Nie. Anders als bei Briefmarken ist das Vorkommen von historischen Wertpapieren unvollständig dokumentiert. Selbst wenn Sie den Ehrgeiz entwickeln, sämtliche Stücke einer bestimmten Gruppe von Anleihen aufzustöbern und zu erwerben, werden Sie bald auf Papiere stoßen, die nicht gelistet sind - es gibt also unter Umständen noch viel mehr davon. Das bedeutet natürlich auch ein Risiko, denn historische Wertpapiere sind wie Briefmarken - umso wertvoller, je seltener sie sind.

Ein großer Rückschlag für das Sammelgebiet deutscher Aktien war beispielsweise die Tatsache, dass in der ehemaligen DDR plötzlich jede Menge vergleichbare Papiere auftauchten. In jedem Fall geht es Sammlern wie mir weniger um realen Wert und Wiederverkauf als um pure Leidenschaft. Heute besitze ich etwa 100 historische Wertpapiere mit zwei Schwerpunkten: Anleihen der Stadt München und Staatsanleihen aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

Ihr wertvollstes Stück?
Meine älteste und zugleich wertvollste Anleihe stammt aus dem Jahr 1720. Sie wurde vom Königreich Frankreich begeben und ist noch auf Pergament, also Tierhaut, gedruckt. Das Dokument ist historisch hoch interessant - es ist gewissermaßen ein erstes Zeugnis unserer heutigen Papiergeldwirtschaft.

Übrigens muss ich Sie warnen, bei diesem Thema neige ich zur Ausführlichkeit ... wollen Sie wirklich mehr wissen?

Nur zu.
Frankreich war damals völlig überschuldet. Die Ära Ludwigs XIV. war gerade vorüber, der Sonnenkönig hatte im Luxus geschwelgt und seinem Nachfolger leere Staatskassen hinterlassen. In dieser desolaten Lage versprach ein Frauenheld und Glücksspieler, der Schotte John Law, die Rettung.

Das Prinzip war einfach: Wer dem Staat Geld lieh, sollte dafür kein Gold, sondern nur einen Schein erhalten, auf dem der Anspruch auf eine bestimmte Menge Gold notiert war ... im Kleinen hatte es vergleichbare Systeme zwar schon vorher gegeben. Aber im Prinzip war Law der Erste, der ein solides Fundament einer Papiergeldwirtschaft schuf.

Der Urvater der heutigen Finanzwirtschaft - Frauenheld? Glücksspieler?
Law schlug sich als Abenteurer durchs Leben, und wegen eines Duells mit tödlichem Ausgang landete er zeitweise sogar im Kerker. Aber er war ein heller Kopf, eine große mathematische Begabung. Im Glücksspiel errechnete er blitzschnell die höchsten Gewinnwahrscheinlichkeiten und konnte sich so mehrmals sanieren.

Diese Begabung war es auch, die ihm im Königshaus zu seiner steilen Karriere als gefragtem Finanzexperten verhalf. Leider kam es am Ende, wie es kommen musste: Gierige Politiker emittierten mehr Papiergeld als Gegenwert da war. Es entstand eine riesige Blase, die schließlich platzte. Dies war nicht das letzte Mal in der Geschichte, dass Papiergeld wertlos wurde.


Was reizt Sie am Sammeln?

Der historische Hintergrund. Wenn man sich die Geschichte näher ansieht - etwa die Hyperinflation in den 1920er Jahren -, lassen sich viele Fehler vermeiden. Aber das Gedächtnis der Menschen ist kurz und die Ansicht, Staatsanleihen seien eine sichere Sache, weit verbreitet. Zur Warnung zeige ich meinen Kunden schon einmal meine Staatsanleihen aus den letzten 300 Jahren, die nie zurückbezahlt wurden ...

Es ist tatsächlich dieses Ungewisse, das mich bei der Thematik reizt - die Abgründe, die Tatsache, dass nichts wirklich sicher ist - zumindest dann nicht, wenn man das Wissen nicht hat. Das Faszinierende am Geld ist ja seine Mechanik: Es gibt keinen objektiven Wert, sondern es handelt sich immer um die Übereinkunft, dass ein Papier dies oder jenes wert ist. Wer sich für Finanzen und gleichzeitig für Geschichte interessiert, kann hier spannende Zusammenhänge entdecken.

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Dr. Josef Kaesmeier

Geschäftsführer der Merck Finck Invest Asset Management GmbH und Chief Investment Officer der Merck Finck Gruppe