Blick über die Märkte vom 6. April 2020

Selten schwieriges zweites Quartal.

Wochensicht

Nach den Verwerfungen an den Finanzmärkten im Auftaktquartal 2020 dürfte das zweite Quartal angesichts der offenen Kernfrage, wie schnell die wirtschaftlichen Aktivitäten in Europa und den USA wieder richtig anlaufen, sowohl konjunkturell wie börsentechnisch schwierig werden. Am Aktienmarkt kommt noch dazu, dass immer mehr Unternehmen für die nun anlaufende Dividendensaison ihre Ausschüttungen kürzen oder oft ganz streichen. Die Märkte dürften daher trotz ihrer Beruhigung in der Vorwoche nervös und schwankungsanfällig bleiben. Während es in Deutschland mittlerweile über 100.000 bestätigte Covid-19-Infektionen gibt, dauerte es zuletzt immerhin schon 9,4 Tage, bis sich die Neuansteckungszahl verdoppelte. Von politischer Seite wurde avisiert, dass bei einem Anstieg dieses Verdoppelungstempos auf 12 bis 14 Tage über Lockerungen der aktuellen Beschränkungen nachgedacht werden könnte - wie sie in Österreich nun offenbar bereits ab dem 14. April geplant sind. Für Schlagzeilen sorgt indes, dass der an Covid-19 erkrankte britische Premierminister Boris Johnson gestern in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Während insgesamt etwas langsamere Neuansteckungstrends in Europa ein baldiges Wiederanlaufen der Wirtschaft wahrscheinlich machen, scheint es in den USA insbesondere in der Region New York noch länger zu dauern. Aber selbst in Big Apple ist die Zahl der Todesfälle gestern erstmals gesunken. Die unglaubliche Zahl von 10 Millionen neuen US-Anträgen auf Arbeitslosenhilfe  binnen zwei Wochen zeigt aber, wie schnell die bislang blühende Wirtschaftsnation Nummer eins der Welt wohl in die Rezession abstürzt. Unterdessen wird an weiteren Regierungspaketen gearbeitet: In Deutschland ist schon ein 50 Milliarden Euro-Konjunkturprogramm für die Zeit nach der Coronakrise im Gespräch und auf europäischer Ebene beraten morgen die Finanzminister über einen neuen Fonds und Hilfe für besonders stark betroffene Länder wie Italien oder Spanien. Dabei wird auch über als "Corona-Bonds" titulierte Euro-Bonds, also Anleihen mit gemeinschaftlicher Haftung, diskutiert werden. Wahrscheinlicher ist aber zum jetzigen Zeitpunkt die von der Bundesregierung vorgeschlagene unbürokratische Hilfe durch den Europäischen Stabilitäts-Mechanismus (ESM), der kurzfristig gut 200 Mrd. Euro zur Verfügung stellen könnte. Und in Japan soll ein weiteres riesiges Hilfsprogramm von Regierungsseite angekündigt werden.

Während manche Konjunkturdaten noch eine gewisse gewohnte Normalität widerspiegeln, zeigen vor allem immer mehr Stimmungsindikatoren klare Abwärtstrends. Dabei sank die Inflation im Euroraum im März vor allem angesichts der schwachen Ölpreise um einen halben Prozentpunkt auf nur noch 0,7% (Deutschland: 1,4%) und die eurolandweite Arbeitslosenquote fiel im Februar nochmal weiter auf 7,3%. Auch die Einzelhandelsumsätze waren im Februar mit einem Anstieg noch in Ordnung. Dagegen stürzte beispielsweise das Konsumbarometer des Einzelhandelsverbandes für April auf ein Rekordtief. Zudem wurden laut dem deutschen Automobilverband im März bereits gut ein Drittel weniger Autos produziert - und laut dem Maschinenbauverband beklagt fast die Hälfte der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer Lieferkettenprobleme. Während die Auftragseingänge der deutschen Industrie im Februar noch gut aussahen, verfielen die Einkaufsmanager in besonders stark vom Coronavirus betroffenen Ländern wie Italien in so pessimistische Stimmung wie nie zuvor. Auch in den USA gaben solche Indizes insbesondere im Dienstleistungssektor nach - aber unterm Strich noch spürbar weniger als in Europa, was mit am verzögerten Covid-19-Ausbruch in Amerika liegen dürfte. Ähnlich der Trend beim US-Verbrauchervertrauen, dessen Erwartungskomponente aber bereits deutlich Federn ließ und angesichts der jetzt sprunghaft steigenden Arbeitslosigkeit noch viel mehr fallen dürfte. Der Anstieg der US-Erwerbslosenquote im März von 3,5% auf 4,4% markiert dabei erst den Anfang des Sturms, der schon in Kürze zu zweistelligen Quoten jenseits der bisherigen Rekordmarke von 10,8% aus dem Jahr 1982 führen dürfte. Und während sich in Japan die Stimmung von Verbrauchern und Firmen deutlich eintrübte, verbesserte sich das Sentiment der chinesischen Unternehmen passend zur Aufhebung der dortigen Ausgangssperren sehr deutlich.

Diese Woche richten sich die Blicke neben den Virus-Neuigkeiten auf den Ölmarkt und die Frage, ob sich die "OPEC+"-Staaten wie von Donald Trump angekündigt auf eine klare Förderkürzung tatsächlich einigen können. Die erste volle Woche im neuen Quartal bringt indes überschaubare Konjunkturdaten: In Deutschland stechen morgen Produktionszahlen der Industrie und am Donnerstag die Handelsbilanz – beides für Februar – hervor. In Großbritannien stehen die Industrieproduktion und die Handelsbilanz am Donnerstag an. Die US-Highlights sind das Fed-Protokoll zur jüngsten Sitzung am Mittwoch, die Produzentenpreise sowie die derzeit besonders wichtigen wöchentlichen Neuanträge auf Arbeitslosenhilfe (per 4. April) am Donnerstag. Am Freitag folgen das Michigan-Verbrauchervertrauen und die Inflationszahlen. Hinzu kommen Chinas Produzentenpreise und Inflationsdaten für März am Freitag.                                  

Empfehlungen 

Unsere Anlagestrategie bleibt in diesen unsicheren Zeiten weiterhin stark auf Diversifikation ausgerichtet, wobei unserer kurzfristig leicht konstruktiven Aktiensicht diversifizierende Anlageformen wie US-Staatsanleihen und Gold als Empfehlungen gegenüber stehen. Aktienseitig bleiben wir für die USA und die Schwellenländer konstruktiver als für Europa. Auf Branchenseite bleiben unsere strukturellen Favoriten unverändert der Gesundheits- und IT-Sektor. Zudem empfehlen wir europäische Dividendenaktien. Langfristig sehen wir insbesondere eine steigende Bedeutung von Alternativen Investments.

Auch auf der Rentenseite bleiben wir generell vorsichtig und bevorzugen in Europa Unternehmens- gegenüber Staatsanleihen. Zudem setzen wir weiterhin stark auf US-Staatspapiere sowie Anleihen aus Schwellenländern. Alternative Investments wie beispielsweise Gold, auf das wir ebenfalls weiterhin setzen, werden zur Diversifizierung von Portfolios immer wichtiger.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              

Markttechnik

Nachdem der DAX unter seine Unterstützung bei 8.740 Punkte gefallen war, konnte er sich sowohl vor einer Woche als auch heute wieder in Richtung 10.000 Punkte in die Nähe seiner Widerstandszone bei 10.000-10.300 Punkte erholen. Nach unten dienen in dieser volatilen Phase 9.300 Punkte als Unterstützung.

Nach einem neuen Allzeittief der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen hat die Unterstützungszone bei -0,7 bis -0,8% letztendlich gehalten. Die jüngste Erholung hat die Rendite wieder in die Zone                       

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