Brief des Chief Investment Officers

Rückblick auf das 1. Quartal 2020.

 Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

das Jahr 2020 begann im Januar mit Kurszuwächsen an den Kapitalmärkten, und einige Börsen notierten kurzfristig auf historischen Allzeithochs. Die Lage änderte sich jedoch abrupt im Februar. Ein hinsichtlich des Ausmaßes und der Zeitspanne so noch nie dagewesener Einbruch an den Kaptalmärkten nahm seinen Lauf: Die von China ausgehende globale Ausbreitung des Corona-Virus (Covid-19) schritt zunehmend voran.

Entwicklung der wichtigsten Assetklassen

Abschwächung an den Kapitalmärkten

Die direkten Auswirkungen aller derzeit laufenden drastischen Eindämmungsmaßnahmen seiten der Politik und Behörden sorgen für große Verunsicherung. Und auch die Tatsache, dass sich das Weltwirtschaftswachstum derzeit rapide abschwächt, sorgte bis zuletzt für panische Reaktionen an den Finanzmärkten. So verloren die Kapitalmärkte innerhalb von wenigen Wochen teilweise bis zu 45 Prozent an Wert auf Indexbasis. Investierte reagierten, indem sie riskante Anlagen verkauften und im Gegenzug „Safe-Haven-Assets“ wie Gold, Staatsanleihen und Schweizer Franken zukauften, um in diesen sicheren Häfen in Deckung zu gehen oder risikobehaftete Portfolios anzupassen. Im Zuge der Abschwächung an den Kapitalmärkten gerieten darüber hinaus die Energiemärkte stark unter Druck, nachdem die OPEC sich in Wien nicht auf Kürzungen der Ölförderquoten einigen konnte. Statt einer Einigung kam es zum offenen Schlagabtausch zwischen Russland und Saudi-Arabien. In Folge dieses Konfliktes sank der Ölpreis innerhalb weniger Handelstage um mehr als 50 Prozent.

Wir hatten Sie in unseren Risikoszenarien im Januar auf fünf mögliche Kernrisiken hingewiesen, zu denen neben einem konjunkturellen Abschwung auch mögliche Pandemien gehörten. Die aktuell zu durchlebenden Marktverwerfungen und die damit einhergehenden drastischen Maßnahmen seitens des Staats und der Politik übersteigen jedoch unsere seinerzeitigen Erwartungen bei weitem. Wir haben daher unsere Szenarien überarbeitet und werden im Folgenden auf die wesentlichen Anpassungen eingehen.
In Summe betrachtet sind dies sehr schwierige Zeiten für alle Anleger, und sie sollten mehr denn je die langfristige Perspektive nicht aus den Augen verlieren.

Wir sind präpariert in die Korrektur hineingegangen, wenngleich wir das Ausmaß und insbesondere auch die Zeitachse dieses Crashs unterschätzt haben. Zunächst haben wir im Zuge der Aktienmarkt-Höchststände Anfang Februar bereits antizyklisch Gewinne auf europäische Aktien und im Segment Automation & Robotics mitgenommen, noch bevor die Korrektur ihren Lauf nahm. Vor allem aber konzentrierten wir uns durch die Fokussierung auf besonders substanzstarke Namen im Aktien- und Rentensegment konsequent auf eine deutliche Reduzierung des Portfolio-Betas vor und unmittelbar nach Beginn der Korrektur. Mit Hilfe eines niedrigeren Betas gelang es uns, deutlich geringere Verluste hinnehmen zu müssen, während des ersten Quartals 2020 auf Indexebene beobachtet werden konnten. Mit diesen Anlagen lassen sich unserer Überzeugung nach auch Phasen starker ökonomischer Verwerfungen erfolgreich durchleben, ohne dabei im Falle einer Stabilisierung der Märkte und anschließenden Erholung nicht auch entsprechend partizipieren zu können. Timing beim Auf- und Abbau von Aktienquoten bleibt ein Glücksspiel, und einem gelungenen Ausstieg aus Aktien muss auch ein erfolgreicher Wiedereinstieg folgen, um erfolgreich zu sein. Eine systematische, robuste Portfoliokonstruktion dagegen ist plan- und steuerbar.

Auf der Rentenseite wirkte unser Block in bonitätsstarken Staatsanleihen durch den massiven Zinsrückgang verlässlich als Stabilisierungsanker, wenngleich es im März zuletzt zu leichten Renditeanstiegen kam. Wir gingen daher zuletzt dazu über, die Laufzeit des Rentenportfolios eher in den mittleren Bereich zu repositionieren. Solide, wenngleich auch nicht schwankungsfreie Rentenanlagen bleiben neben unserem Aktienblock ein wichtiger Bestandteil der Portfolios.

Im Bereich Rohstoffe raten wir weiterhin zu Gold. Wir raten davon ab, sich im Energiemarkt zu engagieren, solange diese Verwerfungen nicht ausgestanden sind bzw. der zukünftige Wachstumspfad der Weltwirtschaft nicht klarer erkennbar wird.
Das Segment „Alternative Anlagen“ ist ein weiterer stabilisierender Portfoliobaustein, den wir beibehalten haben und ggf. opportunistisch ausbauen werden, zumal dieser in Form von offenen Immobilienfonds und Mikrofinanzfonds stabile regelmäßige Ausschüttungen mit sich bringt, die im Vergleich zu den globalen aktuellen Zinsniveaus attraktiv bleiben.

Merck Finck Asset Allocation im 1. Quartal 2020

Drei mögliche Szenarien

So viel zur aktuellen Aufstellung der Portfolios. Als Portfoliomanager und Investoren beschäftigen wir uns insbesondere auch mit möglichen Szenarien bezüglich der zukünftigen Entwicklung der Volkswirtschaften und Finanzmärkte. Wir erleben aktuell einen globalen „Shutdown“, der sich im täglichen Leben zeigt in Form von Schul- und Geschäftsschließungen, einhergehend mit einem weitgehenden Abebben des sozialen und öffentlichen Lebens.

Wir sehen vor diesem Hintergrund drei mögliche Szenarien für die weitere Entwicklung:
Unser Basisszenario, dem wir definitionsgemäß die höchste Wahrscheinlichkeit einräumen, geht davon aus, dass der „schwarze Schwan“ in Gestalt des Corona-Virus sich bis in den Sommer ausbreiten wird. Im Zuge eines Abebbens der Krankheitsfälle beginnt dann während des zweiten Halbjahres eine sukzessive Erholung der Volkswirtschaften – und damit der Kapitalmärkte.  Getragen wird dieses Szenario von der Annahme, dass sowohl Zentralbanken als auch Regierungen alles tun werden, um erfolgreich eine Normalisierung des gesellschaftlichen und damit auch wirtschaftlichen Lebens zu erreichen. So hat die US-Notenbank die Zinsen bereits gen 0 gesenkt. Ferner hat die Europäische Zentralbank (EZB) zur Unterstützung ein 750 Milliarden Euro schweres Anleihekaufprogramm aufgelegt. Sie betonte dabei, dass sie jederzeit das Programm aufstocken werde, falls nötig. In diesem Zusammenhang haben die großen Zentralbanken bestätigt, dass sie in dieser Zeit bereit sind, alles zu tun („whatever it takes“), um die Märkte zu stabilisieren und eine Wiederholung der Ereignisse aus der Finanzkrise zu verhindern.

Andernorts geplante fiskalpolitische Maßnahmen der Staaten sollten ebenfalls dazu beitragen, dass unser Basisszenario eintritt. So haben die USA zum Beispiel ein Konjunkturprogramm von mehr als 2.000 Milliarden US-Dollar angekündigt und erwägt, jedem Amerikaner direkt Schecks in Höhe von bis zu 1.000 US-Dollar zukommen zu lassen. Ferner werden Industriebranchen direkt gestützt werden. Sie erhalten ebenfalls Hilfen in Milliardenhöhe. In Deutschland wurden jüngst Wirtschaftshilfen von mehreren hundert Milliarden Euro angekündigt, um den Auswirkungen entschieden entgegenzutreten. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, die Ausbreitung des Virus möglichst zu verlangsamen und letztlich seine Ausbreitung im Laufe des Sommers in Europa und in den USA zu stoppen. In Asien ist die Zahl neuer Virusfälle in einigen Regionen bereits deutlich zurückgegangen, und das öffentliche bzw. wirtschaftliche Leben wird wieder aufgenommen.

Der tiefe Ölpreis und die damit einhergehenden schwachen Rohstoffpreise für das verarbeitende Gewerbe werden ebenfalls zu einer Stabilisierung beitragen, und zwar über ihre positive Wirkung auf der Cost-Input-Seite.

In Summe sollten diese jüngsten Maßnahmen und Entwicklungen aus heutiger Sicht zur Folge haben, dass sich das globale Wachstum während des zweiten Halbjahres stabilisieren wird, obgleich die meisten Industriestaaten mit hoher Wahrscheinlichkeit zunächst in eine Rezession rutschen werden. In diesem Szenario werden sich vor allem Schwellenländerinvestitionen und Risikoanlagen besser entwickeln. Die Aktienmärkte würden somit im zweiten Halbjahr eine Erholung einleiten, die abhängig sein wird vom Grad der dann absehbaren volkswirtschaftlichen Stabilisierung.

Unser „Worst Case“-Szenario, das hinsichtlich seiner Wahrscheinlichkeit dem Basisszenario folgt, jedoch mit einer tieferen Eintrittswahrscheinlichkeit rechnet, geht davon aus, dass sich die Periode des aktuell zu beobachtenden „Runterfahrens“ des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens über das gesamte Jahr 2020 hinziehen wird, einhergehend mit einer weltweiten starken Rezession. Eine starke Rezession würde einer weltweiten Schrumpfung der Wirtschaftsleistung von vermutlich -5 bis -6 Prozent oder mehr entsprechen, da die Maßnahmen der Zentralbanken und Regierungen offensichtlich nicht erfolgreich „greifen“. Wir rechnen aufgrund der oben beschriebenen Maßnahmen nicht mit einer derartigen Entwicklung. Sollte dieses „Worst Case“-Szenario eintreten, so wären Investitionen in Gold, US-Staatsanleihen und den Schweizer Franken wohl präferierte Anlageklassen, da Aktien und Unternehmensanleihen weiter unter Druck geraten könnten, wenngleich auf aktuellen Niveaus schon viel eingepreist ist aus unserer Sicht.

Das dritte und letzte Szenario, welches die geringste Wahrscheinlichkeit mit sich bringt, ist ein baldiger starker Wirtschaftsaufschwung, gepaart mit der Erkenntnis an den Kapitalmärkten, dass das Virus deutlich eingedämmt werden konnte in Europa und in den USA.

Eine schnell eintretende Akzeleration der Volkswirtschaften brächte es unter Umständen mit sich, dass die monetären und fiskalpolitischen Maßnahmen, die jüngst beschlossen wurden, zu massiv steigenden Inflationserwartungen und einer Überhitzung führen könnten. In einem solchen Szenario würden Risikoanlageklassen wie Aktien und Unternehmensanleihen schlechter Bonität, aber auch inflationssensible Anlagen wie Gold sehr stark zulegen.

Alles in allem sehen wir unser Basisszenario als realistische Annahme und gehen davon aus, dass dies in den folgenden Quartalen einige Opportunitäten mit sich bringen wird.
An dieser Stelle möchte ich einen Blick in die Zukunft wagen in Bezug auf die längerfristigen säkularen Entwicklungen.

Die aktuellen Entwicklungen um das Virus könnten im Ergebnis den Trend in Richtung Deglobalisierung, den wir seit geraumer Zeit beobachten, beschleunigen: Während die USA versuchen, deutsche Wissenschaftler abzuwerben und potentielle Impfstoffe gegen das Corona-Virus aufzukaufen, droht in China ein Lieferstopp für Schutzbekleidung. Die globalen Lieferketten werden sich wohl nachhaltig verändern, und als Folge werden neonationalistische Strukturen Einzug halten. Dies könnte bedeuten, dass Unternehmen und Länder ihre Wertschöpfungsketten „zurückholen“ werden. Vor allem sicherheitsrelevante Branchen wie Pharma und Chemie  werden dies zukünftig überprüfen müssen. Auf nationaler Ebene könnte diese Deglobalisierung zu einer Desurbanisierung führen, was jedoch ein eher unwahrscheinliches Szenario darstellt.
Eine weitere Folge des Virus: Die Systeme werden nachhaltig gestärkt und erhöhen ihre Widerstandskraft und Robustheit: Gesundheitssysteme werden dementsprechend aufgerüstet, was langfristig der Lebenserwartung und dem Wohlstand der Gesellschaft zugutekommt. Somit könnte sich die sogenannte „Glokalisierung“ durchsetzen, welche auf dezentralisierte Märkte setzt bei gleichzeitiger Intensivierung kooperativer Systeme.
„Glokalisierung“ ist die Entkoppelung der Geschäftsmodelle von geographischen Räumen. Eine Auswirkung dieser Form sehen wir aktuell dadurch, dass Versammlungen rein virtuell stattfinden über das Internet. Homeoffice und Telemedizin werden dann zum Standard. Wie das geht, zeigte kürzlich die italienische Influencerin Chiara Ferragni. Sie sammelte mit der Hilfe von rund 19 Millionen Fans innerhalb weniger Tage rund 3 Millionen Euro als Finanzspritze für ein mailändisches Krankenhaus ein.

Verlauf des Ölpreises seit Jahresanfang (Quelle: Bloomberg)

Entwicklungen und Trends für das Jahr 2020

  • Wir glauben an unser Basisszenario, welches eine Stabilisierung und Erholung im zweiten Halbjahr erwartet.

  • Das fiskalpolitische Umfeld verstärkt sich durch weitere und stärkere Investitionsprogramme für das gesamte Jahr.

  • Die Zentralbanken werden die Zinsen auf historisch tiefen Niveaus belassen. Ferner werden massive Anleihekaufprogramme umgesetzt und bei Bedarf aufgestockt.

  • Das öffentliche Leben normalisiert sich im zweiten Halbjahr und der Konsum kehrt zurück.

  • Aktien bleiben gerade nach dem Crash attraktiver als Anleihen.
    Für unsere Kundenportfolios empfehlen wir eine vorsichtige, ausgewogene Risikostruktur unter Beimischung von sicherheitsorientierten Anlagesegmenten wie US-Staatsanleihen und Gold.

  • Für die Asset Allokation sollte dementsprechend weiterhin eine moderate Aktiengewichtung angestrebt werden mit einem Fokus auf Qualitäts- und Substanzaktien.

  • Auf der Anleiheseite raten wir zu mittleren Laufzeiten bei gleichzeitig qualitativ hochwertigen Anleihen.

  • Alternative Anlagen ergänzen unser Portfolio dank ihres Diversifikationscharakters und ihrer attraktiven regelmäßigen Ausschüttungen.

Welche Auswirkungen hat dies auf die Portfolios? Lesen Sie mehr im Brief des Chief Investment Officers.

Außerdem das Sonderthema:
Infrastrukturboom: Der größte staatliche Investitionsboom der Nachkriegsgeschichte läuft an.

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