Warum KI die Softwarebranche auf den Kopf stellt – und wer die Nase vorn haben könnte

Warum Softwareunternehmen unter Druck geraten

Der Technologiesektor durchlebt derzeit seine turbulenteste Phase in Jahren. Nirgendwo wird dies deutlicher als im Softwarebereich, welcher lange Zeit als das sichere, margenstarke Rückgrat der digitalen Wirtschaft galt. Während Halbleiteraktien weiter zulegen, geraten die Bewertungen von Softwareunternehmen stark unter Druck. Der globale Halbleiter-Index (BBG World Semiconductors Large, Mid & Small Cap Price Return Index) hat seit Jahresbeginn rund 5 % zugelegt (gemessen in USD), während der globale Software-Index (BBG World Software Large, Mid & Small Cap Price Return Index) im gleichen Zeitraum mehr als 20 % verloren hat.*

Jahrzehntelang profitierte Software-as-a-Service (SaaS) von vorhersehbaren Abonnementumsätzen und stetigen Preiserhöhungen. Dieses Modell übertraf jahrelang den Gesamtmarkt, bis Ende 2022 generative KI die Erwartungen neu definierte. Seitdem sind Halbleiter aufgrund der Nachfrage nach KI-Hardware stark gestiegen, während sich die Bewertungskennzahlen für Software verringert haben. Die Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) von US-Softwareunternehmen sind von etwa 50 Mitte 2025 auf heute unter 30 gefallen.*



Welche KI-Trends die Branche umgestalten

Derzeit prägen mehrere Befürchtungen die Stimmung der Anleger: KI schreibt Code-effizient, was Fragen darüber aufwirft, wie viel Mehrwert traditionelle Software tatsächlich liefert oder liefern wird. Der Wettbewerb verschärft sich, da KI die Hürden für die Entwicklung neuer Tools senkt und damit voraussichtlich Druck auf die Margen gibt. Darüber hinaus erhöht KI die Rechenkosten und setzt damit die Rentabilität unter Druck. Des Weiteren verliert die nutzerbasierte Preisgestaltung an Bedeutung, da KI-Agenten nicht an Benutzeranmeldungen gebunden sind.

Diese Bedenken erhielten nach der Einführung autonomer KI-Module, wie den neuen „Claude CoWork“-Plug-ins von Anthropic, nochmals Schub, was einen starken Ausverkauf bei Software-Titeln auslöste. Diese Reaktion hat die Positionierung institutioneller Anleger auf historische Tiefststände gedrückt.



Handelt es sich um eine strukturelle Krise oder um eine Überreaktion?

Trotz der Turbulenzen treibt die KI auch einen der größten Infrastrukturbooms seit Jahrzehnten voran. Hyperscaler, wie Microsoft, Amazon oder Alphabet investieren jährlich Hunderte von Milliarden Dollar in Rechenzentren und KI-optimierte Chips, gestützt durch Rekordumsätze bei Halbleitern und ein rasantes Wachstum der Hardware-Nachfrage. Anders als in der Dotcom-Ära sind die heutigen Marktführer profitable Plattformen mit etablierten Arbeitsabläufen und einer starken Präsenz in Großunternehmen.

Die zentrale Frage für Investoren ist nicht, ob KI Software neugestaltet, sondern welche Software sie neugestaltet.

Nicht jede Software ist gleichermaßen betroffen. KI mag Schnittstellen und Code automatisieren, aber sie kann geschützte Datensätze nicht ohne Weiteres nachbilden. Rechtliche, finanzielle, wissenschaftliche und regulatorische Datenbanken, die über Jahrzehnte hinweg aggregiert wurden, bleiben geschützte Vermögenswerte. Im Gegensatz dazu sind Softwareprodukte, die sich in erster Linie auf Benutzeroberflächen oder einfache Workflow-Logik stützen, dem größten Risiko ausgesetzt. Ein klareres Rahmenwerk zeichnet sich über drei Ebenen der digitalen Wertschöpfung ab:

- Schnittstellen: Tools, die auf Benutzererfahrung oder Workflow-Logik basieren, stehen unter dem größten Druck. Ihre auf Nutzerlizenzen basierenden Preismodelle geraten in Schwierigkeiten, wenn KI-Agenten mehr Arbeit verrichten, ohne dass menschliche Nutzer hinzukommen.

- Daten: Exklusive, verifizierte, domänenspezifische Daten werden im KI-Zeitalter zum wertvollsten Input. Viele Unternehmen mit exklusiven Daten und Inhalten berechnen bereits nutzungsabhängige Gebühren, was bedeutet, dass KI ihre Einnahmen steigern kann, wenn das Abfragevolumen wächst.

- Plattformen: Diese sind unserer Ansicht nach langfristig die größten Gewinner, da sie Identität, Workflow, Abrechnung und Daten in einem Ökosystem vereinen. Sie können Abonnementgebühren mit nutzungsabhängigen KI-Gebühren kombinieren und so mit steigendem automatisierten Arbeitsaufkommen skalieren.


Wandel der Geschäftsmodelle: Von Lizenzen zur Nutzung

KI beschleunigt die Abkehr von der Software-Preisgestaltung pro Arbeitsplatz hin zu einer nutzungsbasierten Monetarisierung: Rechenzyklen, Datenaufrufe, Transaktionen und automatisierte Aufgaben. Unternehmen mit geschützten Daten, tiefer Integration oder Plattformökonomie profitieren am meisten. Diejenigen, die leicht ersetzbare Schnittstellen anbieten, sehen sich zunehmenden Herausforderungen gegenüber.



Was das für Investoren bedeutet

Für langfristige Investoren eröffnet diese Übergangsphase Chancen. Die Neubewertung ist in vielen Bereichen weniger eine Reaktion auf fallende Gewinnschätzungen als auf sinkende Multiples – sie trifft starke und schwache Geschäftsmodelle gleichermaßen. Wer differenzieren kann, profitiert. Klar ist schon jetzt: Die strukturellen Gewinner der KI‑Zukunft sind jene, die über Skalierung, proprietäre Daten und Plattformeffekte verfügen. Und genau dorthin verschiebt sich der Wert der Softwarewelt.


Fazit: KI zerstört keine Software, sondern schwache Modelle

Kurz gesagt: KI vernichtet Software nicht, sondern nur schwache Softwaremodelle. Der Schwerpunkt verlagert sich in Richtung Skalierung, Daten und Plattformeffekte, und genau dort können langfristige Chancen entstehen.



*Quelle: Bloomberg

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