Geopolitik | Verfolgen Sie nicht ausschließlich die Schlagzeilen
Wir befinden uns nun im vierten Monat des Konflikts zwischen den USA und dem Iran, und die Märkte reagieren nach wie vor auf jede Schlagzeile. Seit dem am 8. April vereinbarten Waffenstillstand hat sich an der Gesamtlage kaum etwas geändert.
Die Nachrichtenlage schwankt weiterhin zwischen Berichten über Verlängerungen der Waffenruhe oder sogar über Friedensgespräche, und Behauptungen, dass beides nicht vorankommt. Die Märkte reagieren tendenziell nach einem vorhersehbaren Muster auf die Nachrichten. Schlagzeilen über eine Eskalation treiben die Ölpreise und Anleiherenditen in die Höhe, geben dem Dollar einen leichten Auftrieb und belasten Aktien leicht. Eine Deeskalation hat den gegenteiligen Effekt, da Anleger stagflationäre Risiken auspreisen. Diese sind mit steigender energiebedingter Inflation verbunden und bergen die Gefahr, das globale Wachstum zu belasten.
Die vergangene Woche bildete keine Ausnahme von diesem Muster. Am Ende der Woche waren die Ölpreise um 11 % gefallen, die Renditen 10-jähriger Anleihen sanken in den USA und Deutschland um 12 bzw. 11 Basispunkte, der Dollar gab um 0,3 % nach und Aktien legten auf breiter Front zu. Kurz gesagt: Die Märkte beendeten die Woche unter dem Einfluss von Berichten über eine Verlängerung des Waffenstillstands, den Beginn von Gesprächen über das iranische Atomprogramm und die Aussicht auf ungehinderten Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus.
Geopolitische Faktoren waren der Haupttreiber, aber auch die US-Daten wirkten stützend. Die jüngsten Inflationsdaten zu den privaten Konsumausgaben, den von der US-Notenbank (Fed) bevorzugten Inflationsindikator, fielen geringer aus als erwartet. Auch die Arbeitsmarktdaten und die Aktivität im verarbeitenden Gewerbe waren solide und untermauerten die Einschätzung, dass die US-Wirtschaft auf relativ stabilem Boden steht.
All dies passt in unser Basisszenario. Wir betrachten den Konflikt als vorübergehend, mit einer Dauer von drei bis sechs Monaten und negativen, aber insgesamt moderaten wirtschaftlichen Auswirkungen. Im Laufe der Zeit setzen sich die Fundamentaldaten in der Regel durch. Die Geschichte zeigt, dass geopolitische Ereignisse für die Märkte meist in den Hintergrund treten. Genau deshalb verfolgen wir nicht ausschließlich die Schlagzeilen.
Stattdessen bevorzugen wir Portfolios, die in einer Vielzahl von Szenarien funktionieren können, anstatt uns auf eine einzige präzise Prognose zu verlassen. Angesichts des robusten Wachstums und unseres Basisszenarios bevorzugen wir weiterhin Aktien gegenüber Anleihen. Gleichzeitig bleiben wir diversifiziert, damit eine erneute Eskalation die Performance nicht wesentlich beeinträchtigen würde.
Technologie | Überhitzen sich die Halbleiter?
KI-getriebene Investitionen haben das Wachstum und die Märkte seit mehreren Quartalen gestützt. Halbleiter stehen im Mittelpunkt dieser Entwicklung, was für uns angesichts unseres Engagements in US- und Schwellenländeraktien von Bedeutung ist. Der KI-Investitionszyklus ist längst kein rein US-amerikanisches Phänomen mehr. Südkorea und Taiwan bilden wichtige Stützen der globalen Halbleiter-Lieferkette, und die Vorteile davon breiten sich immer weiter aus.
Die Aktienkurse in der gesamten Branche sind stark gestiegen, in einigen Fällen sogar exponentiell. Das wirft natürlich die Frage auf: Handelt es sich um einen echten Superzyklus oder ist dies nur Spekulation? Unserer Ansicht nach deuten die Anzeichen auf Ersteres hin.
Halbleiter und die dazugehörige Hardware sind kein Nischenthema. Sie sind grundlegend für die Funktionsweise der modernen Wirtschaft, und ihre Bedeutung hat mit der Beschleunigung der KI nur noch zugenommen. Chips sind weit über die Verbrauchertechnologie hinaus eingebettet. Sie bilden den Kern strategischer Sektoren wie Verteidigung und Energie, in denen Regierungen aktiv auf mehr Autonomie und Versorgungssicherheit der Lieferketten drängen.
Dies ist auch keine Geschichte, die nur von ausufernder Begeisterung getrieben wird. Die Gewinne sind parallel zu den Aktienkursen gestiegen, was zu niedrigeren Kurs-Gewinn-Verhältnissen geführt hat. In vielen Fällen sind die Bewertungen angemessen, selbst bei den größten Namen. Nvidia, Micron, Samsung Electronics und SK Hynix verzeichnen alle ein starkes Gewinnwachstum. Bemerkenswert ist, dass die beiden südkoreanischen Speicherhersteller zu weniger als dem Sechsfachen der prognostizierten Gewinne gehandelt werden.
Auch die Marktstruktur spielt eine Rolle. Samsung Electronics, SK Hynix und Micron kontrollieren rund 90 % des weltweiten Angebots auf dem Markt für Computerspeicher. Dies verschafft ihnen echte Preissetzungsmacht, insbesondere da die Nachfrage steigt und die Produktion komplexer wird. Dies ist ein bedeutender Rückenwind für die Rentabilität und damit auch für die Aktienperformance.
Die Nachfrage überrascht weiterhin positiv. Nvidias B200-Chips verzeichnen beispielsweise für 2026 ein Nachfragewachstum von mehr als 20 %. Anthropic prognostiziert für das zweite Quartal ein Umsatzwachstum von 127 %. Der CEO von Samsung Electronics bezeichnete die aktuelle Phase kürzlich als beispiellosen Halbleiter-Superzyklus, in dem Kunden angesichts knapper Kapazitäten zunehmend bestrebt sind, langfristige Lieferverträge abzuschließen.
Allerdings birgt dies auch Risiken. Das offensichtlichste Risiko ist die Konzentration der Aktienindizes. Halbleiter- und Speicheraktien machen mittlerweile einen großen Anteil der gesamten Marktgewinne aus. Im Mai machten sie rund die Hälfte des Gesamtanstiegs des S&P 500 aus. Es besteht zudem Unsicherheit darüber, wie lange der Investitionsboom bei Rechenzentren anhalten wird, da ein Großteil der Chipnachfrage in dieses Segment fließt. Während einige Unternehmen tatsächlich in der Lage zu sein scheinen, starke Renditen zu erzielen, gilt dies nicht für andere kleinere, stärker verschuldete und weniger wettbewerbsfähige Akteure – daher ist eine Differenzierung wichtig.
Derzeit bleiben die Ausgaben jedoch hoch. US-Hyperscaler sind auf dem besten Weg, im Jahr 2026 umgerechnet rund 2 % des US-BIP zu investieren. Dies wirkt wie eine Art „investitionsgetriebener fiskalischer Impuls“. Entscheidend ist zudem, dass Chips längst nicht mehr nur in Rechenzentren zum Einsatz kommen, sondern ihren Weg in nahezu alle Bereiche der Wirtschaft finden.
Wir halten Diversifizierung weiterhin für wichtig und eine angemessene Risikominderung ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Strategie. Doch unsere Überzeugung ist, dass solange die Investitionen von Unternehmen und der öffentlichen Hand stabil bleiben, dieser Zyklus noch Spielraum nach oben hat. Dies kann die Aktienmärkte sowohl in den Industrieländern als auch in den Schwellenländern weiterhin stützen.
Diese Woche | US-Arbeitsmarktbericht und Inflation in der Eurozone
In dieser Woche wird sich die Aufmerksamkeit der Anleger weiterhin vor allem auf die Entwicklungen im Nahen Osten richten. Makrodatentechnisch rechnen die Märkte jedoch damit, dass die Inflationsdaten für die Eurozone (Dienstag) bei etwa 3 % liegen werden. In den USA sind die Erwartungen an den Arbeitsmarktbericht am Freitag, der marktbewegende Daten wie die Zahl der Beschäftigten außerhalb der Landwirtschaft und die Arbeitslosenquote enthält, weiterhin hoch. Unter dem Gesichtspunkt der nach wie vor unsicheren geopolitische Lage dürften die Notenbanker auch künftig datengetrieben agieren, um keine geldpolitischen Fehler zu machen.
Hinweis: Jeder Hinweis auf die Portfoliopositionierung bezieht sich auf unsere Kernportfolios mit Verwaltungsvollmacht. Kunden mit maßgeschneiderten oder beratenden Portfolios sollten sich bei ihrem Kundenberater über ihre aktuelle Positionierung informieren.
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