Wenn sich die Geschichte wiederholt – und wenn nicht
Ausgangspunkt ist das Energie-Thema. Im Jahr 2022 wurde die Welt von einem Krieg an den Grenzen Europas getroffen. Und zwar zu einem Zeitpunkt, als die Inflation in der Post-Covid-Welt bereits hoch war, wobei die Lieferketten – von der Schifffahrt und Luftfahrt bis hin zur Fertigung – alle erheblich gestört waren und zudem mit schwerwiegendem Arbeitskräftemangel zu kämpfen hatten. Die Inflation lag deutlich über den Zielen der Notenbanken: bei 9 % in den USA und 10–11 % in Europa. Der Kontinent war nach wie vor stark von russischem Gas abhängig (rund 40 % seiner Importe vor dem Krieg). Als diese Lieferungen unterbrochen wurden, stiegen die Preise sprunghaft an, die Inflationserwartungen schossen in die Höhe, und die Notenbanken sahen sich zu aggressiven Zinserhöhungen gezwungen – ausgehend von negativen Zinsen in der Eurozone und Zinssätzen nahe Null in den USA.
Die heutige Situation ist weniger fragil. Der Energiemix Europas hat sich dramatisch verändert, wobei russisches Gas nun nur noch einen Bruchteil der Gesamtimporte ausmacht (weniger als 10 %). Erdgas aus den USA, Norwegen und Katar sowie erneuerbare Energien haben die Lücke gefüllt, und die Lagerbestände sind auf einem höheren Niveau. Die USA sind Nettoexporteur von Energie. Selbst wenn die Energiepreise steigen, dürfte sich dies nur begrenzt auf die allgemeine Inflation auswirken, was auch dadurch begünstigt wird, dass die Leitzinsen nun höher sind als 2022 und die Verbraucher- und Arbeitsmärkte nicht mehr überhitzt sind. Die Lieferketten funktionieren in der gesamten verarbeitenden Industrie heute deutlich besser und sind flexibler geworden.
Im Jahr 2026 ist der Engpass die Straße von Hormus, durch die rund 20 % des weltweiten Öls fließen. Für sich genommen kann diese Zahl irreführend sein. Der größte Teil dieses Öls geht nach Asien, nicht nach Europa oder in die USA. Selbst wenn China einen großen Anteil hat und rund 40–50 % seiner Importe durch die Meerenge fließen, ist sein Energiesystem stark diversifiziert: Kohle macht immer noch etwa 55 % seines Primärenergieverbrauchs aus, Öl eher 20 %, der Rest verteilt sich auf Erdgas, Wasserkraft, Kernkraft und erneuerbare Energien. Außerdem verfügt das Land über beträchtliche strategische Reserven. Eine Unterbrechung der Lieferungen wäre zwar für globale Importeure von Bedeutung, würde aber nicht zu einer systemischen Krise führen, wie sie Europa vor zwei Jahren erlebt hat.
Warum es wichtig ist, sich auf verschiedene Szenarien vorzubereiten
Angesichts dieser makroökonomischen Rahmenbedingungen erscheint auch die geldpolitische Reaktion einfacher. Die Notenbanken scheinen sich darin einig zu sein. Die US-Notenbank (Fed), die Europäische Zentralbank und die Bank of England ließen ihre Leitzinsen vergangenen Woche unverändert. Eine Leitzinserhöhung wird weder die Straße von Hormus wieder öffnen noch die Ölpreise senken. Die erste Reaktion auf den Anstieg der Ölpreise könnte eine höhere Inflation sein, doch höhere Ölrechnungen belasten auch die Finanzen der privaten Haushalte, das Wirtschaftswachstum und die Inflation. Die Zentralbanken könnten diesen Angebotsschock ignorieren und die Leitzinsen stabil halten, um das Nachfragewachstum nicht zu behindern. Fed-Chef Powell hat dies letzte Woche deutlich gemacht. Anders als im Jahr 2022 besteht keine unmittelbare Notwendigkeit für eine aggressive Straffung oder eine fiskalische Notfallmaßnahme, sofern sich der Konflikt nicht wesentlich ausweitet.
Wie wir positioniert sind
Angesichts des Iran-Konflikts haben wir zudem, soweit es die Regulierung und die Fachkenntnisse unserer Kunden zulassen, Absicherungen gegen Kursverluste bei Aktien beibehalten. Angesichts der jüngsten Volatilitätsphase hat unser „Versicherungs“-Optionsschein an Wert gewonnen und die ursprüngliche Investition wieder hereingeholt, sodass wir diesen Gewinn realisiert und den Rest bis Juni als Absicherung beibehalten haben, um Abwärtsrisiken zu mindern, falls die Volatilität anhält.
Dennoch bleiben Risiken bestehen. Die Märkte unterschätzen möglicherweise die Wahrscheinlichkeit eines langwierigen Konflikts oder einer erheblichen Störung des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus, sollte der Iran den Konflikt eskalieren lassen – selbst wenn seine militärischen Kapazitäten geschwächt sind. An dem Konflikt sind viele Parteien mit unterschiedlichen Zielen beteiligt, was die Prognosen erschwert.
Ein weiteres Risiko, das zu einem kürzer als erwarteten Konflikt und damit zu einer Marktrallye führen könnte, geht von der US-Politik aus. Der Kongress muss noch zusätzliche Mittel zur Verlängerung der US-Militäroperationen im Iran bewilligen, und das ist nicht garantiert. Zusätzliche Ausgaben für den Iran-Krieg erfordern 60 Stimmen im Senat, nicht nur 50. Das bedeutet, dass das Weiße Haus wahrscheinlich mindestens acht Demokraten benötigen wird, vorausgesetzt, die Republikaner sind sich alle einig, was wir nicht glauben. Und dann kommen auch noch die Zwischenwahlen. Der Anreiz, einen langwierigen Konflikt aufrechtzuerhalten, könnte begrenzt sein. Trumps Zustimmungswerte sinken, da Benzin und Lebensmittel für die US-Verbraucher im Vordergrund stehen, und der Kongress könnte in die Hände der Demokraten fallen. Ein langer Konflikt könnte die derzeitige Regierung im Inland mehr kosten als im Ausland, was ein starker Hemmfaktor für langwierige Militäraktionen sein könnte.
Geopolitisch ist die Lage ernst, doch das wirtschaftliche Umfeld ist heute stabiler als im Jahr 2022. Zunächst einmal ist das Wachstum solider, die Inflation niedriger und die Welt weniger anfällig für einen Energieschock. Dieser Hintergrund erklärt, warum sich viele Märkte – abgesehen von europäischen und Schwellenländeraktien – bislang widerstandsfähiger gezeigt haben als bei früheren Ölpreisanstiegen. Sie sind zwar gefallen, aber nicht so stark. Dies unterstreicht auch, warum Diversifizierung und Risikominderung nach wie vor unerlässlich sind – und warum wir unsere Portfolios genau unter diesem Gesichtspunkt aufgebaut haben.
Diese Woche | Naher Osten, Wirtschaftswachstum und Inflation im Fokus
Diese Woche verlagert sich der Fokus wieder von den Notenbanksitzungen auf die Daten. Die bevorstehenden Veröffentlichungen könnten uns einen ersten konkreten Einblick geben, wie sich der Nahostkonflikt auf die Wirtschaftstätigkeit auswirkt. Die ersten Signale kommen mit den vorläufigen Einkaufsmanagerindizes (“PMIs”) für März (Dienstag). Diese dürften erste Anzeichen dafür liefern, wo die Dynamik nachlässt.
Es folgen das deutsche Ifo-Geschäftsklima (Mittwoch) und das GfK-Konsumklima (Donnerstag), die einen fundierteren Einblick in die Reaktionen der Unternehmen und Verbraucher hier zu Lande bieten werden. In Großbritannien stehen die Inflations- und Erzeugerpreisdaten für Februar (Mittwoch) an – diese stammen aus der Zeit vor dem Konflikt und sind daher weniger marktrelevant.
Der eigentliche Fokus wird auf den Daten für März liegen, sowie später dann auf der nächsten Runde, die in einigen Wochen, ab Mitte April, veröffentlicht wird. Dort erwarten die Märkte die ersten deutlichen Auswirkungen des Iran-Konflikts, insbesondere durch die höheren Energiepreise. Und Energie dürfte noch eine Weile im Mittelpunkt der Diskussion stehen.
Hinweis: Jeder Hinweis auf die Portfoliopositionierung bezieht sich auf unsere Kernportfolios mit Verwaltungsvollmacht. Kunden mit maßgeschneiderten oder beratenden Portfolios sollten sich bei ihrem Kundenberater über ihre aktuelle Positionierung. informieren.
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