Staatsschulden wieder ein zentrales Marktrisiko
Die Schuldentragfähigkeit in den großen Wirtschaftsträumen – allen voran den USA – rückt an den Finanzmärkten wieder in den Vordergrund. Lange konnten Anleger hohe Staatsschulden weitgehend ignorieren, solange die Zinsen nahe null bzw. extrem niedrig waren, die Inflation kaum Thema war und die Notenbanken expansiv agierten. Dieses Umfeld ist vorbei. Heute treffen hohe und weiter steigende Schulden auf spürbar höhere Zinsen, größere geopolitische Unsicherheit und steigende Energiepreise. Besonders die Fiskalpolitik der USA wird von den Märkten mit Argusaugen beobachtet.
Die US-Staatsverschuldung ist inzwischen auf gut 40 Billionen US-Dollar gestiegen, rund 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Aufs Bremspedal in Sachen Schulden ist die aktuelle Regierung noch nicht getreten – ganz im Gegenteil: Sie tritt trotz steigender Zinsen und damit immer teureren Finanzierung weiter kräftig aufs Pedal. Manche Investoren sehen die Schuldentragfähigkeit der USA längst als nennenswert beschädigt an. Auch wir haben unsere Allokation leicht heruntergefahren.
Rückkäufe lösen nicht das Grundproblem
US-Finanzminister Scott Bessent versucht zwar, den Druck am Anleihemarkt durch Rückkäufe eigener Staatsanleihen abzufedern. Doch solche Transaktionen können nur begrenzt die Kurse stützen. Das kann zwar vorübergehend helfen, einen weiteren Renditeanstieg zu begrenzen. Es ändert aber nichts am Kernproblem: Die fiskalische Dynamik bleibt angespannt.
Genau deshalb bleiben wir bei US-Staatsanleihen taktisch leicht untergewichtet. Anleger sollten nicht nur auf die nächste Zinsentscheidung der Fed schauen. Entscheidend ist, ob die Märkte der US-Fiskalpolitik weiterhin zutrauen, hohe Defizite, steigende Zinskosten und große Emissionsvolumina ohne höhere Risikoprämien zu finanzieren. Je mehr Zweifel daran entstehen, desto stärker kann der Bondmarkt selbst zum Korrektiv werden – schließlich läuft bei ihm nicht nur die Schuldenproblematik, sondern auch die Auswirkungen des Iran-Kriegs mit dadurch steigenden Energiepreisen in Form der Inflation, die Effekte der immer höheren Anleiheemissionen der KI-Riesen sowie die Befürchtungen weiter steigender Notenbankzinsen zusammen.
Auch der Dollar ist nicht immun
Die Folgen beschränken sich nicht auf Staatsanleihen. Auch die Devisenmärkte könnten höhere US-Renditen und fiskalische Bedenken zu spüren bekommen. Normalerweise stützen höhere US-Renditen den Dollar. Wenn sie aber nicht mehr Ausdruck wirtschaftlicher Stärke sind, sondern Folge wachsender Zweifel an der nachhaltigen Schuldentragfähigkeit sind, kann sich dieser Zusammenhang umkehren.
Sollten Anleihekurse keine ausreichende Unterstützung finden und die fiskalischen Sorgen anhalten, könnte der US-Dollar unter Druck geraten. Das wäre ein wichtiges Signal: Dann würden höhere Renditen nicht mehr als Attraktivitätsargument für US-Anlagen gelesen, sondern als Risikoaufschlag für eine zunehmend schwierige Schuldendynamik.
Europa ist nicht Amerika – aber sollte gewarnt sein
Die USA sind damit ein mahnendes Beispiel für Europa. Die Ausgangslage ist diesseits des Atlantiks anders, aber nicht sorgenfrei. In der Eurozone lag die Staatsschuldenquote im ersten Quartal 2026 bei knapp 89 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Länder wie Italien, Frankreich, Belgien und Spanien liegen deutlich darüber. Gleichzeitig steigen auch in Europa die Ausgabenanforderungen – für Verteidigung, Infrastruktur, Energieversorgung, Demografie und Klimaanpassung. Und der Erfolg populistischer Parteien erhöht den Druck noch.
Deutschland steht im Vergleich besser da, ist aber nicht von der Entwicklung abgekoppelt. Die Schuldenquote lag zuletzt bei gut 64 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zugleich ist das gesamtstaatliche Defizit im ersten Halbjahr 2026 allerdings auf 3,1 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen und damit auch in Deutschland wieder über die Maastricht-Referenzmarke gerückt. Das zeigt: Auch unser Land bewegt sich in eine Phase, in der höhere Investitionen politisch gewollt sind, die Finanzierung aber stärker auf Tragfähigkeit, Priorisierung und Wachstumseffekte geprüft werden muss. In einem Umfeld, in dem Wahlergebnisse kurzfristige Wohltaten für die Bürger aus parteipolitischer Sicht attraktiv erscheinen lassen, ist besondere Vorsicht geboten.
Gold bleibt ein wichtiger Diversifikator
Das Schuldenproblem liegt also längst nicht nur in den USA. In einem solchen Umfeld behalten reale Vermögenswerte und Diversifikatoren ihre wichtige Bedeutung. Gold profitiert weiterhin von mehreren strukturellen Faktoren: steigender Staatsverschuldung, geopolitischer Unsicherheit und anhaltender Nachfrage seitens der Notenbanken und bei wieder steigender Unsicherheit auch seitens privater Anleger. Hinzu kommt, dass Staatsanleihen möglicherweise weniger zuverlässig vor fiskalischen und geopolitischen Schocks schützen als in früheren Marktphasen.
Aus diesem Grund halten wir an unserer Übergewichtung von Gold fest. Es geht dabei nicht um eine kurzfristige Wette auf Krisen. Gold ist vielmehr ein Baustein, um Portfolios robuster zu machen, wenn der klassische Schutz durch Staatsanleihen an Verlässlichkeit verliert.
Ob wir in den USA oder in Europa eine ernsthafte Schuldenkrise sehen werden, ist nicht ausgemacht. Investoren sollten ihr Portfolio nicht komplett auf Extremszenarien ausrichten. Es ist aber ratsam, einen wirksamen Teilschutz für Extremszenarien dabei zu haben. Gold und auch breit gefächerte Rohstoffe können hier eine wichtige Rolle übernehmen. Für Anleger gilt in dieser zunehmend unsicheren Welt weiterhin: Mit einer breiten Portfolio-Diversifizierung für verschiedene Szenarien gerüstet sein.
Über den Autor:
Robert Greil ist Chefstratege bei der Privatbank Merck Finck, die zur europaweit agierenden Quintet Private Bank gehört. An dieser Stelle gibt der Experte regelmäßig seine Einschätzung zu kommenden Marktentwicklungen.
