Der Technologiesektor erlebt eine Phase tiefgreifender Verunsicherung. Kaum ein Bereich steht dabei so im Fokus wie der Subsektor Software – ein Segment, das über Jahrzehnte als Inbegriff stabiler Wachstumsmodelle galt. So sehen wir gerade das Auseinanderlaufen der Untersektoren des Information Technology Sektors: während der Unterindex für globale Halbleiterwerte seit Jahresanfang ca. 15%, gerechnet in US-Dollar, hinzugewinnen konnte, verlor der Unterindex der globalen Softwareunternehmen spiegelbildlich fast genauso viel.

Dabei war der Softwaresektor über lange Zeit äußerst profitabel – und es ist leicht nachvollziehbar, warum. „Software as a Service“ (SaaS) war ein großer Gewinner des Trends zur Cloud, weil unregelmäßige Lizenzverkäufe durch stabile jährliche Abonnements ersetzt wurden. Jedes Jahr erhöht der Anbieter die Preise leicht, verkauft Zusatzfunktionen und multipliziert dies mit der Anzahl der Nutzer. Erträge und Gewinne stiegen entsprechend, und die Kombination aus hohen Margen und verlässlichen Einnahmen führte zu höheren Bewertungen. Zwischen 2012 und dem 30. November 2022 – dem Launch von ChatGPT, den viele als „iPhone‑Moment der KI“ betrachten – übertraf Software den Gesamtmarkt deutlich.

Seit Ende 2022 zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Während Sektoren wie Halbleiter stark performen, bleibt Software zurück – besonders in den vergangenen Monaten. Mehrere negative Themenkomplexe prägen das Sentiment:

  • KI kann exzellent programmieren. Wenn Code nahezu kostenlos erzeugt werden kann, stellt sich die Frage, wie wertvoll Software künftig noch ist.
  • Der Wettbewerb drückt auf die Margen. Wenn nahezu jeder Software entwickeln kann, steigt der Konkurrenzdruck – Gewinne könnten schrumpfen.
  • KI verursacht höhere Betriebskosten. KI‑Modelle benötigen teure Rechenleistung. Die Frage lautet: Bleiben Margen attraktiv?
  • Per‑Seat‑Modelle funktionieren nicht mehr. KI‑Agenten benötigen keine Nutzerzugänge; Modelle müssen sich zur nutzungsbasierten Abrechnung entwickeln.

Und die Entwicklung setzt sich fort: neue KI‑Fähigkeiten, allen voran die jüngst vorgestellten Plug‑ins für Anthropic’s „Claude Cowork“, haben eine Neubewertung ausgelöst, die in ihrer Wucht selbst erfahrene Marktteilnehmer überrascht hat. Die Module versprechen, Aufgaben in Recht, Vertrieb oder Marketing weitgehend autonom zu übernehmen. Die Reaktion der Börsen: scharf. Aktien etablierter Softwareanbieter wie ServiceNow, Adobe, Salesforce oder Snowflake rutschten ab, obwohl viele dieser Titel bereits vorher deutlich korrigiert hatten. Selbst Unternehmen angrenzender Branchen – etwa RELX, FactSet oder Booking.com – gerieten unter Druck. Die Stimmung ist angespannt, beinahe panisch. In Analystenkreisen kursieren Aussagen wie „Software is dead“, und die Investitionsquoten institutioneller Anleger in den Software-Sektor sind auf ein historisches Tief gefallen. Laut Daten von Goldman Sachs fiel das Netto-Exposure des US-Markts in Software auf ein Rekordtief von 4,2% – ein dramatischer Rückgang gegenüber 7% zu Jahresbeginn und weit entfernt vom historischen Höchstwert von 17,7%.

 

Volatilität unvermeidlich

Die Frage liegt nahe: Steht die Branche vor einer strukturellen Krise – oder vor einer Phase undifferenzierter Übertreibung? Eines ist klar, Volatilität ist unvermeidlich. Nicht jede KI-Investition wird erfolgreich sein. Einige Akteure werden scheitern, und es wird Verlierer neben Gewinnern geben. Entscheidend ist daher eine durchdachte Positionierung in den Bereichen, die auf Dauer profitieren werden.

Zunächst lohnt ein Blick auf das Gesamtbild. Während manche Marktsegmente überhitzt wirken, treiben Hyperscaler wie Microsoft, Amazon oder Google den wohl größten Infrastrukturzyklus seit Jahrzehnten an. Hunderte Milliarden fließen jährlich in Rechenzentren, Chips und Stromversorgung – Summen, die nur eine Handvoll Unternehmen aus eigener Kraft stemmen kann. So haben sich innerhalb der zwei Jahre von 2023 bis 2025 die Investitionen in KI durch die großen Tech-Firmen verdoppelt. Diese Player profitieren von Skaleneffekten, exklusivem Zugang zu Lieferketten und einer tiefen Verankerung in globalen Unternehmensprozessen. Anders als die unprofitablen Visionäre der Dotcom‑Ära sind sie heute hochrentable Plattformen mit realen Produktivitätsgewinnen und schnell wachsender Akzeptanz in der Wirtschaft.

Die Frage, die Investoren aktuell umtreibt, lautet also weniger, ob KI die Softwarelandschaft verändert, sondern wen sie verändert – und in welchem Ausmaß. Die intuitive Sorge: Generative KI könnte traditionelle Softwareanbieter substituieren, indem sie Workflows automatisiert und damit die klassische Lizenzlogik untergräbt. Die neuen Claude‑Plug‑ins verstärken diesen Eindruck. Sie können Verträge lesen, Risiken markieren, Antworten generieren oder Vertriebsdaten auswerten. Doch selbst hier zeigt ein genauer Blick: Die Tools operieren oft auf Basis generischer Vorlagen, ohne echten Zugriff auf primäre Rechts- oder Fachdaten. Fehlerhafte Empfehlungen, vermischte Rechtsräume oder unvollständige Analysen sind keine Seltenheit.

 

Einige Anbieter mit geschützten Geschäftsmodellen

Genau darin liegt der entscheidende Punkt: Nicht jede Software ist gleichermaßen angreifbar. Unternehmen wie RELX, deren LexisNexis‑Plattform auf einem geschützten Bestand von rund 150 Milliarden juristischen Dokumenten basiert, verfügen über Datensätze, die weder frei zugänglich noch replizierbar sind. Solche Inhalte sind regulatorisch geschützt, in jahrzehntelanger Arbeit aufgebaut und durch Verträge vor unautorisierter KI‑Nutzung abgeschirmt. Anbieter mit dieser Art von Datenbesitz sind strukturell besser aufgestellt als Softwareanbieter, deren Wert primär in Benutzeroberflächen oder Prozesslogiken steckt.

Um die KI-Auswirkungen sauber einzuordnen, lohnt sich ein Blick auf drei Ebenen der digitalen Wertschöpfung: Interfaces, Daten und Plattformen. Da KI‑Agenten in den Arbeitsmarkt einziehen, verlieren Oberflächen und menschlicher Code an Bedeutung – beides kann KI selbst generieren. Der wahre Wert liegt daher zunehmend in Daten, insbesondere solchen, die exklusiv, geschützt und nicht replizierbar sind.

Interfaces – also Anwendungen, die ihren Wert aus User Experience, Workflows oder Nutzerinteraktionen ziehen – stehen unter besonders hohem Druck. Ihr Monetarisierungsmodell basiert typischerweise auf Lizenzen pro Nutzer. Doch wenn KI‑Agenten Aufgaben effizienter übernehmen können, steigt die Produktivität der Nutzer, nicht deren Zahl. Das Zugangsmodell kollabiert, wenn nicht gleichzeitig ein starker Lock‑in oder proprietäre Daten vorhanden sind.

Ganz anders die zweite Ebene: Daten. Hier entstehen im KI‑Zeitalter neue Wachstumspotentiale. KI benötigt verifizierte Fakten, rechtliche Korrektheit, Aktualität und Kontext. Unternehmen wie RELX oder die London Stock Exchange Group besitzen solche Daten in Form von exklusiven, hochaktuellen und regulatorisch bedeutsamen Inhalten. Dazu kommt, dass viele dieser Firmen längst auf usage‑basierte Modelle umgestellt haben: Jede Abfrage, jeder Bericht, jedes Datensignal erzeugt Umsatz. KI‑Agenten, die automatisiert recherchieren und prüfen, verstärken diesen Trend – Datenanbieter profitieren direkt von der steigenden Nutzung.

Die dritte Ebene bilden Plattformen – die wahrscheinlich größten Gewinner. Plattformunternehmen orchestrieren Daten, Workflows, Identitäten und Abrechnungen in einem integrierten Ökosystem. Microsofts Copilot‑Suite oder ServiceNow im Bereich Unternehmensprozesse sind hier prominente Beispiele. Ihr Vorteil: Sie können sowohl seat‑basierte Grundgebühren als auch verbrauchsabhängige KI‑Abrechnungen kombinieren. Skalieren KI‑Agenten, skalieren Plattformen mit – ein Effekt, den reine Interface‑Anbieter kaum erreichen können.

 

Chancen für langfristige Investoren

Damit verschiebt sich das Fundament der Softwareindustrie: Usage‑based schlägt User‑based. Jahrzehntelang wurde Software primär pro Nutzer abgerechnet. Nun setzt sich ein Modell durch, das den tatsächlichen Mehrwert monetarisiert: mehr Rechenzyklen, mehr Abfragen, mehr Datenabrufe, mehr Automatisierung. Wer proprietäre Daten, starke Integration oder Plattformlogiken besitzt, ist strukturell im Vorteil. Wer nur Benutzeroberflächen oder austauschbare Workflows bietet, verliert.

Die aktuelle Marktangst ist somit nur teilweise berechtigt. KI zerstört nicht den Software-Sektor  – KI zerstört schwache Geschäftsmodelle. Profiteure sollten Plattformen, Hyperscaler und Datenanbieter sein. Unternehmen, die ihre Modelle erfolgreich in Richtung verbrauchsbasierter Erlöse transformieren können, stehen ebenfalls gut da. Die Verlierer sind jene, deren Produkte weder tief verankert noch durch Daten oder Netzwerkeffekte geschützt sind.

Für langfristige Investoren eröffnet diese Übergangsphase Chancen. Die Neubewertung ist in vielen Bereichen weniger eine Reaktion auf fallende Gewinnschätzungen als auf sinkende Multiples – sie trifft starke und schwache Geschäftsmodelle gleichermaßen. So korrigierte das Kursgewinnverhältnis von US-amerikanischen Softwareunternehmen von über 40x Mitte 2025 auf gegenwärtig ca. 29x. Wer differenzieren kann, profitiert. Klar ist schon jetzt: Die strukturellen Gewinner der KI‑Zukunft sind jene, die über Skalierung, proprietäre Daten und Plattformeffekte verfügen. Und genau dorthin verschiebt sich der Wert der Softwarewelt.Der Technologiesektor erlebt eine Phase tiefgreifender Verunsicherung. Kaum ein Bereich steht dabei so im Fokus wie der Subsektor Software – ein Segment, das über Jahrzehnte als Inbegriff stabiler Wachstumsmodelle galt. So sehen wir gerade das Auseinanderlaufen der Untersektoren des Information Technology Sektors: während der Unterindex für globale Halbleiterwerte seit Jahresanfang ca. 15%, gerechnet in US-Dollar, hinzugewinnen konnte, verlor der Unterindex der globalen Softwareunternehmen spiegelbildlich fast genauso viel.

 

Über den Autor: Marc Decker ist Co-Leiter Aktien bei der europaweit agierenden Quintet Private Bank, zu der die deutsche Privatbank Merck Finck gehört. Im Blitzlicht der Woche kommentiert der Experte regelmäßig aktuelle Entwicklungen an den internationalen Aktienmärkten.

 

 

Kontakt