EZB: die Wende, die keine ist
Die heutige Leitzinserhöhung der EZB ist unserer Meinung nach als ein vorsichtiger Zwischenschritt zu deuten, nicht als eine echte Zinswende. Zwar hat die Notenbank angesichts der kriegsbedingt gestiegenen Energiepreise und einer Inflation von mittlerweile 3,2 Prozent im Euroraum ihre Leitzinsen um 25 Basispunkte angehoben – und damit rein technisch gegenüber dem letzten Zinsschritt vor gut einem Jahr die Richtung geändert.
Für die Märkte war heute allerdings weniger der Zinsschritt selbst entscheidend. Dieser galt weitgehend als gesetzt. Wichtiger war die Frage, ob die EZB einen neuen geldpolitischen Kurs erkennen lässt. Christine Lagarde hielt sich dazu in der Pressekonferenz erwartungsgemäß bedeckt und verwies auf die Datenabhängigkeit der Notenbank. Zugleich deutete sie jedoch an, dass die EZB bei weiterem Inflationsdruck erneut reagieren würde.
Genau hier liegt der entscheidende Punkt: Der jüngste Rückgang der Energiepreise spricht derzeit nicht dafür, dass sich der Inflationsdruck noch einmal deutlich verstärkt. Sollte sich im Iran-Konflikt in naher Zukunft ein Deal manifestieren und die Energiepreise weiter sinken, dürften auch die Inflationsrisiken im Euroraum wieder nachlassen.
Hinzu kommt: Ein Ölpreisschock wirkt heute anders als beispielsweise in den 1970er-Jahren. So ist die Weltwirtschaft heute deutlich weniger ölabhängig. Die Ölintensität ist seit den 1970er-Jahren um mehr als die Hälfte gefallen. Eine höhere Energieeffizienz, ein höherer Dienstleistungsanteil an der Wirtschaftsleistung sowie der Ausbau erneuerbarer Energien haben die Verwundbarkeit gegenüber Ölpreissprüngen spürbar reduziert. Die Auswirkungen steigender Ölpreise sind trotzdem noch immer erheblich. Aber der direkte Durchschlag auf die Wirtschaft ist heute geringer als in früheren Ölkrisen.
Im Blick nach vorn gehen wir deshalb davon aus, dass die EZB in diesem Jahr keine weitere Leitzinsanhebung vornehmen muss, sofern sich die Lage im Nahen Osten beruhigt und Energiepreise sowie Inflationserwartungen wieder nachgeben. Trotz des heutigen Richtungswechsels im Leitzins hätten wir es dann tatsächlich nicht mit einem neuen Zinszyklus zu tun.
Zu bedenken hat die EZB auch, dass die Wirtschaft im Euroraum weiterhin geldpolitische Unterstützung benötigt – die Notenbank reduzierte ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr erneut auf nur noch 0,8%. Wachstum und Kreditnachfrage sind unverändert fragil, während der Inflationsdruck stark von Energiepreisen und Geopolitik geprägt ist. Sollte die EZB also auf dem heutigen Schritt dennoch einen längeren Straffungskursfolgen lassen, könnte sich das im Rückblick als schwerer geldpolitischer Fehler erweisen.
Über den Autor: Robert Greil ist Chefstratege bei der Privatbank Merck Finck, die zur europaweit agierenden Quintet Private Bank gehört. An dieser Stelle gibt der Experte regelmäßig seine Einschätzung zu kommenden Marktentwicklungen.
