Trockenheit und Niedrigwasser – werden Klimarisiken jetzt zum zentralen Bewertungskriterium? 

Der Wasserstand des Rheins ist längst mehr als ein Wetterthema. Für Anleger wird er zunehmend zu einem Risikoindikator für europäische Industrieunternehmen. Wenn die wichtigste Binnenwasserstraße Europas nur eingeschränkt befahrbar ist, steigen Transportkosten, Lieferketten geraten unter Druck und Margen können schneller schrumpfen, als es viele Modelle bislang abbilden.

Im Zentrum steht der Rhein. Er verbindet die Nordseehäfen Rotterdam und Antwerpen mit wichtigen Industrieregionen in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Besonders kritisch ist der Pegel Kaub, ein zentrales Nadelöhr für die Binnenschifffahrt. Sinkt der Wasserstand dort stark, können Frachtschiffe nur noch mit einem Bruchteil ihrer üblichen Ladung fahren. Teilweise sind dann nur noch 20 bis 30 Prozent der normalen Fracht möglich. Aktuell droht sogar die komplette Einstellung der Frachtschifffahrt. Für Unternehmen bedeutet das: mehr Bahn- und Lkw-Transporte, höhere Kosten.

Chemie und Grundstoffe besonders betroffen

Besonders anfällig sind Branchen, die große Mengen an Rohstoffen und Vorprodukten bewegen müssen. Dazu zählen Chemie, Stahl, Baustoffe, Grundstoffe und Teile des Energiesektors. Unternehmen entlang des Rheins wie BASF oder Lanxess sind auf verlässliche und kostengünstige Binnenschifffahrt angewiesen. Wird dieser Transportweg eingeschränkt, geraten Produktionsabläufe und Liefertermine unter Druck.

Das ist für Anleger relevant, weil Niedrigwasser direkt auf Gewinne wirken kann. Höhere Logistikkosten, geringere Auslastung, teurere Ersatztransporte und mögliche Produktionsstörungen belasten die Margen. Die Niedrigwasserkrise von 2018 hat bereits gezeigt, dass solche Engpässe die deutsche Industrieproduktion spürbar treffen können.

Niedrigwasser kann Inflation verlängern

Der zweite Effekt betrifft die Inflation. Denn die gestörten Lieferketten belasten nicht nur das Wachstum, sondern treiben auch die Preise. Kohle, Mineralölprodukte, Chemikalien, Baustoffe oder Schrott lassen sich kurzfristig nicht beliebig auf andere Verkehrsträger verlagern. Gleichzeitig können niedrige Pegelstände und hohe Wassertemperaturen die Stromproduktion beeinträchtigen, etwa bei Kraftwerken, die Flusswasser zur Kühlung benötigen.

Damit wirkt Niedrigwasser wie ein angebotsseitiger Schock: Die Produktion wird schwieriger, während Kosten steigen. Für Zentralbanken ist das besonders unangenehm, weil höhere Zinsen solche Engpässe nicht beseitigen können. Für Anleger steigt damit das Risiko, dass die Inflation länger hoch bleibt, obwohl das Wachstum schwächer wird.

Resilienz wird zum Bewertungskriterium

Für Investoren verschiebt sich dadurch der Blick auf Klimarisiken. Es geht nicht mehr nur um ESG-Ratings oder langfristige Dekarbonisierungspfade. Entscheidend wird, wie robust Geschäftsmodelle gegenüber physischen Klimarisiken sind. Unternehmen mit abhängigen Lieferketten, geringer Preissetzungsmacht und hohem Transportvolumen dürften stärker unter Druck geraten.

Umgekehrt werden für Anleger diejenigen Unternehmen interessanter, die robuste Lieferketten, flexible Logistik, stabile Cashflows und hohe Preissetzungsmacht besitzen. Wer steigende Transport- oder Energiekosten weitergeben kann, ist klar im Vorteil. Wer das nicht kann, muss mit Margendruck und möglicherweise höheren Risikoabschlägen rechnen. Auf diese Weise wird Klimaresilienz zum zentralen Bewertungskriterium. 

Auch Gewinner rücken in den Fokus

Die Risikodimension ist jedoch nicht allein entscheidend, denn es entstehen auch Chancen. Kurzfristig können zum Beispiel einige Logistikunternehmen profitieren, wenn Transporte auf Schiene und Straße verlagert werden. Jedoch dürften solche Trades nur kurzlebig aussichtsreich sein. Langfristig interessanter sind Anbieter von Lösungen, die helfen, den Umgang mit Klimaveränderungen zu ermöglichen.

 

Wassertechnologie, Pumpensysteme, Wasseraufbereitung, Umweltmesstechnik, Bewässerungstechnik und Leitungsinfrastruktur sind Bereiche, in die auf mittlere Sicht mehr Kapital fließen muss und wird. Europa wird sich häufiger auf trockene Sommer einstellen müssen. Das erfordert eine andere, widerstandsfähigere Infrastruktur. 

Unterm Strich wird der Rhein für Anleger zum Frühindikator. Sein Wasserstand beeinflusst Transportkosten, Energiepreise, industrielle Produktion, Inflation und Unternehmensgewinne. Was früher als außergewöhnliches Wetterereignis galt, wird zunehmend zu einem strukturellen Risiko für bestimmte Branchen. Für Investoren heißt das: Klimarisiken sind längst nicht mehr nur Nachhaltigkeitsthema. Sie entscheiden mit über Bewertungs- und Allokationsentscheidungen. 


Über den Autor:
Marc Decker ist Co-Leiter Aktien bei der europaweit agierenden Quintet Private Bank, zu der die deutsche Privatbank Merck Finck gehört. Im Blitzlicht der Woche kommentiert der Experte regelmäßig aktuelle Entwicklungen an den internationalen Aktienmärkten..

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