Starke Zahlen bei US-Banken – ein Vorbote auch für Europas Institute?

Mit den Zahlen von JPMorgan hat die US-Berichtssaison für das zweite Quartal begonnen – und die größte US-Bank setzt die Messlatte hoch. Die Ergebnisse fielen insgesamt besser aus als von Analysten erwartet. Für die anstehenden Quartalsberichte der übrigen US-Großbanken, und später auch für die europäischen Player, ist das ein positives Signal. Zugleich zeigen die Zahlen, wo die entscheidenden Belastungsfaktoren für den Bankensektor liegen: beim Wettbewerb um Einlagen, bei den Nettozinsmargen und bei den Kosten.

 

Kapitalmarktgeschäft überrascht positiv

Angesichts vieler prominenter M&A-Transaktionen und IPOs, nicht zuletzt dem von SpaceX, war bereits erwartet worden, dass sich die Provisionserträge der US-Banken stark entwickelt haben. Noch deutlicher als in der Fusionsberatung und im Aktienemissionsgeschäft war jedoch das Signal im Aktienhandel: JPMorgan erzielte hier ein Rekordquartal und erreichte erstmals Erträge von rund 6,0 Milliarden US Dollar. Auch für den europäischen Bankensektor ist das ein bedeutsamer Hinweis. Eine anziehende Kapitalmarktaktivität würde nicht nur den großen US-Häusern helfen, sondern auch europäischen Instituten mit relevantem Investment-Banking- oder Kapitalmarktgeschäft.

 

Einlagen werden teurer

Der zweite wichtige Befund fällt weniger positiv aus. Der Nettozinsertrag von JPMorgan entsprach zwar weitgehend den Erwartungen. Auffällig ist aber der anhaltend intensive Wettbewerb um Kundeneinlagen. JPMorgan zahlte im Quartal durchschnittlich deutlich höhere Einlagenzinsen als vom Markt erwartet. Das belastet die Nettozinsmarge. Für den breiten Bankensektor ist das eine zentrale Botschaft. Die Phase, in der steigende Zinsen nahezu automatisch zu deutlich höheren Margen führten, ist vorbei. Kunden reagieren sensibler auf Zinsunterschiede, und Banken müssen stärker um Einlagen konkurrieren. Das gilt nicht nur in den USA. Auch europäische Banken dürften zunehmend mit der Frage konfrontiert werden, wie viel von den Zinseinnahmen sie über höhere Einlagenzinsen wieder abgeben müssen. Hervorzuheben ist allerdings, dass JPMorgan den Margendruck durch stärkeres Kreditwachstum kompensieren konnte. Allerdings haben es große, marktführende Institute im Wettbewerb auch deutlich leichter als kleine oder mittelgroße Institute. Insofern dürfte sich auch in Europa zeigen, dass vor allem die bereits starken Player weiteres Wachstum für sich beanspruchen können.

 

Starke Ertragskraft, vorsichtiger Ausblick

Die Profitabilität, gemessen an der Eigenkapitalrendite, lag ebenfalls über den Erwartungen und klar über dem langfristigen Zielwert. Die Kreditqualität blieb ebenfalls robust. Dass die Aktie zunächst dennoch verhalten reagierte, liegt vor allem am Ausblick. JPMorgan hob zwar die Prognose für den Nettozinsertrag an, erhöhte gleichzeitig aber auch die erwarteten Kosten. Zudem hatten einige Investoren nach den veränderten Zinserwartungen seit April offenbar auf einen noch stärkeren Zinsausblick gehofft. Damit zeigt der Bericht zwei Seiten desselben Umfelds: Die Ertragskraft der großen Banken bleibt hoch, aber der Markt stellt höhere Anforderungen. Gute Zahlen allein reichen nicht immer, wenn gleichzeitig Einlagen teurer werden, Kosten steigen und die Erwartungen an den Zinsüberschuss bereits ambitioniert sind.

 

Positiver Auftakt mit klarer Warnung

Unterm Strich hat JPMorgan die Berichtssaison mit übertroffenen Erwartungen eröffnet. Besonders das Rekordergebnis im Aktienhandel und die starke Entwicklung im Investment Banking sprechen für ein positives Umfeld bei den großen US-Kapitalmarkthäusern. Für den breiten Bankensektor ist die Botschaft differenzierter. Die Kreditnachfrage bleibt robust, die Kapitalmärkte beleben sich, und die Kreditqualität ist weiterhin solide. Gleichzeitig steigt der Druck auf die Nettozinsmargen, weil Einlagen teurer werden und Kunden preissensibler agieren. Die zentrale Botschaft dieses Auftakts zur Berichtssaison lautet daher: Der Bankensektor entfaltet eine beachtliche Ertragsdynamik in der Breite, aber in der nächsten Phase dürfte der Wettbewerb intensiver und die Streuung der Ergebnisse unter dem Strich größer werden. Auch bei europäischen Banken dürfte bald offensichtlich werden: Reine Zinsfantasie reicht nicht mehr – es braucht auch ein kraftvolles Kapitalmarktgeschäft.

Über den Autor: Marc Decker ist Co-Leiter Aktien bei der europaweit agierenden Quintet Private Bank, zu der die deutsche Privatbank Merck Finck gehört. Im Blitzlicht der Woche kommentiert der Experte regelmäßig aktuelle Entwicklungen an den internationalen Aktienmärkten.

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