Wieder einmal stehen die Zeichen auf geopolitischer Eskalation. Der US-Präsident versucht, seinen Anspruch auf Grönland mit Zolldrohungen zu untermauern – die Europäer erwägen scharfe Gegenmaßnahmen. Die Angelegenheit wird durch eine mögliche Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der USA weiter verkompliziert, der den Großteil der bisherigen US-Zölle für unvereinbar mit amerikanischem Recht erklären könnte. Dies könnte eine vorübergehende Erholung an den Aktien- und Unternehmensanleihemärkten auslösen, aber auch die Wiedereinführung von Zöllen auf anderen Wegen nach sich ziehen und eine mögliche Rallye damit vorzeitig beenden.

So unberechenbar solche Entwicklungen sind, so ruhig sollten Anleger durch die kurzfristigen Bewegungen hindurchschauen. Eine Auswertung verschiedener langfristiger Studien zu den Auswirkungen geopolitischer Schocks auf die Börsen offenbart: Negative weltpolitische Überraschungen führten an den Märkten in der Vergangenheit meist zu Kurskorrekturen und erhöhter Volatilität für eine begrenzte Zeit von durchschnittlich etwa drei Monaten, woraufhin sich die Kurse auf mittlere Sicht von 6 oder 12 Monaten wieder erholen – teils sogar stärker als sie zunächst gefallen waren. Nachhaltig negative Effekte auf die Kurse an den Aktienmärkten treten systematisch vor allem dann auf, wenn es zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt. 

Dennoch kommen Anleger nicht umhin, anzuerkennen, dass die Welt seit einigen Jahren eine andere ist als in den 20 Jahren zuvor. Diese fragmentiertere Welt ist gekennzeichnet durch einen verstärkten Wettbewerb zwischen den Großmächten um Ressourcen und Technologien, zunehmende regionale Spannungen und eine stärkere staatliche Intervention in die Wirtschaft. 

Solche Ereignisse mit der Präzision zu antizipieren, die erforderlich wäre, um Portfolios rechtzeitig anzupassen, ist schwierig bis unmöglich. Wir sind daher überzeugt: Planung ist besser als Prognose. Und Planung bedeutet für uns eine Strategie der globalen Diversifizierung, sodass Schwankungen in Teilen des Portfolios, z. B. durch Spannungen im Nahen Osten, die sich auf Aktien auswirken, durch Gewinne in anderen Bereichen, wie z. B. mit unseren Engagements in Gold und Rohstoffen, abgefedert oder ausgeglichen werden können. Aus diesem Grund halten wir weiterhin Gold, breite Rohstoffindizes und inflationsgeschützte Anleihen als Teil unserer Allokation. 

Doch im Rahmen einer solch diversifizierten Strategie haben auch taktische Anpassungen ihre Berechtigung. So haben wir beispielsweise angesichts der Lage in Venezuela und der erneuten Unsicherheit in Grönland sowie im Iran kürzlich die Qualität unseres Engagements am Rentenmarkt erhöht. Wir haben Gewinne bei globalen Investmentgrade-Anleihen mit hohen Bewertungen mitgenommen und sicherere US-Staatsanleihen und europäische Staatsanleihen gekauft, die derzeit attraktiver bewertet sind als noch vor einigen Monaten. Auch unsere taktische Absicherung des US-Aktienengagements haben wir beibehalten. Dennoch behalten wir unser insgesamt moderates Übergewicht in Aktien bei. In Anbetracht fiskalischer Stimuli und meist sinkender Leitzinsen (insbesondere in den USA) sowie struktureller Treiber wie den hohen Investitionen in KI bleiben die Aussichten für Aktieninvestoren aus unserer Sicht gut. Das wird sich aller Voraussicht nach auch nach dem Auftritt des US-Präsidenten in Davos und der darum entstehenden Aufregung nicht ändern.

 

Über den Autor: 

Robert Greil ist Chefstratege bei der Privatbank Merck Finck, die zur europaweit agierenden Quintet Private Bank gehört. An dieser Stelle gibt der Experte regelmäßig seine Einschätzung zu kommenden Marktentwicklungen.

 

 

Kontakt