Die Europäische Zentralbank hat auf ihrer heutigen Sitzung – ähnlich wie andere Notenbanken dieser Tage – einen Balanceakt vollzogen: Einerseits bleibt sie ihrem datenabhängigen Ansatz treu, andererseits hat sie angesichts erhöhter Inflationsrisiken die Sicherung der Preisstabilität wieder stärker in den Vordergrund gestellt. Ein konkreter Zinspfad wurde erwartungsgemäß nicht festgelegt – das Signal an die Märkte ist dennoch klar: der Krieg im Nahen Osten macht, je länger er dauert, eine Zinswende wahrscheinlicher.
Inflationssorgen nehmen zu
Auslöser sind vor allem die gestiegenen Energiepreise in Folge des Kriegs im Nahen Osten, der die Inflationserwartungen nach oben getrieben hat. Während die jüngsten Konjunktur- und Inflationsdaten – etwa aus den USA – noch weitgehend im Rahmen der Erwartungen lagen, haben sich die Projektionen der EZB vor allem für das laufende Jahr bereits in Richtung schwächeren Wachstums und erhöhter Inflation verschärft. Die Notenbank erwartet jetzt anstatt bislang 1,9% nunmehr 2,6% Inflation 2026 – auch für das kommende Jahr wurde die Inflationsprognose leicht auf 2,0% angehoben.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde betonte, dass der Krieg im Nahen Osten den Ausblick signifikant unsicherer mache, und zwar auch hinsichtlich des Wirtschaftswachstums, das die EZB in ihrem Basisszenario für den Euroraum jetzt nur noch bei 0,9% für dieses Jahr sieht.
„Datenabhängig“, aber mit klarer Priorität
Die EZB hat klargemacht, dass sie zunächst weiterhin einen Mittelweg gehen wird: keine Überreaktion auf kurzfristige Schocks, aber konsequentes Handeln, wenn die Preisstabilität aus ihrer Sicht gefährdet ist. Entscheidend ist dabei die Entwicklung in Sachen Inflation. Sollten sich die aktuell erhöhten Energiepreise als persistent erweisen, dürfte die EZB Preisstabilität klar über konjunkturelle Erwägungen stellen.
Zwar gilt grundsätzlich, dass Notenbanken bis zu einem gewissen Maß durch angebotsseitige Schocks „hindurchschauen“ – doch diese Logik greift nur, wenn die Effekte temporär bleiben. Genau daran wachsen aber derzeit die Zweifel.
Märkte stellen sich neu ein
Die Finanzmärkte preisen vor diesem Hintergrund zunehmend bereits in diesem Jahr noch Leitzinserhöhungen der EZB ein, was bis zum Iran-Krieg kaum ein Thema war. Auch die Anleihemärkte reagieren – die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen nähern sich der Marke von drei Prozent und damit dem höchsten Niveau seit Herbst 2023.
Vor diesem Hintergrund bleibt eine vorsichtige Positionierung bei Staatsanleihen angezeigt. Der Anstieg der Inflationserwartungen und die damit verbundenen Renditebewegungen sprechen weiterhin gegen eine Übergewichtung von Anleihen.
Über den Autor: Robert Greil ist Chefstratege bei der Privatbank Merck Finck, die zur europaweit agierenden Quintet Private Bank gehört. An dieser Stelle gibt der Experte regelmäßig seine Einschätzung zu kommenden Marktentwicklungen.



