Frühindikatoren unter Druck: Viertes Stagnationsjahr in Folge wird immer wahrscheinlicher
Die konjunkturellen Frühindikatoren senden immer lautere Alarmsignale. Nachdem gestern das Verbrauchervertrauen in der Eurozone auf das niedrigste Niveau seit gut drei Jahren gerutscht war und heute die vorläufigen April-Einkaufsmanagerindizes für Deutschland vor allem auf der Dienstleistungsseite noch mehr als befürchtet gefallen sind, deutet sich auch beim morgigen Ifo-Geschäftsklima für April eine weitere klare Eintrübung an. Seit Beginn des Iran-Kriegs zeigt sich damit ein immer kritischerer Abwärtstrend – und ein Ende ist vorerst nicht in Sicht. Getrieben vom Energiepreisschock und wachsenden Versorgungsrisiken droht eine Phase rückläufiger Wirtschaftsaktivität, sofern keine geopolitische Entspannung einsetzt. Die Hoffnung auf eine kurzfristige konjunkturelle Erholung ist damit vorerst vertagt.
Energiepreisschock trifft Wirtschaft in der Breite
Historisch haben anhaltende Energieschocks die wirtschaftliche Aktivität auch anhaltend gebremst – vieles spricht dafür, dass sich dieses Muster erneut bestätigt. Sollte die Nutzung der strategisch wichtigen Straße von Hormus weiter blockiert oder stark eingeschränkt bleiben, drohen die Einkaufsmanagerindizes in Deutschland und der Eurozone schon bald unter die Wachstumsschwelle von 50 Punkten zu fallen – ein Signal für schrumpfende Aktivität, die bald auch die gestern von der Bundesregierung auf 0,5% halbierte Wachstumsprognose für dieses Jahr pulverisieren könnte. Letztendlich wird das vierte Rezessionsjahr in Folge für Deutschland immer wahrscheinlicher.
Lieferketten rücken erneut in den Fokus
Neben den reinen Energiepreisen gewinnt ein zweiter Faktor an Bedeutung: die Stabilität der Versorgung. Warnungen vor möglichen Engpässen, beispielsweise bei Kerosin, haben die Nervosität zusätzlich erhöht. Europas strukturelle Importabhängigkeit – teils gerade auch vom Nahen Osten – macht sich hier deutlich bemerkbar. Sollten sich die Störungen verfestigen, werden längere Transportzeiten, höhere Logistikkosten und im Extremfall sogar physische Rationierungen wahrscheinlicher. Damit rücken mit zunehmender Konfliktdauer neben den Energiepreisen auch Lieferketteneffekte wieder stärker als Inflationstreiber in den Fokus.
Erwartungen droht starker Rückgang
Diese Gemengelage dürfte sich auch im Ifo-Geschäftsklima für April, das morgen veröffentlicht wird, besonders in der Erwartungskomponente deutlich niederschlagen. Die Perspektiven der Unternehmen für die kommenden sechs Monate kommen immer mehr unter Druck. Nachdem bereits im Vormonat die Hoffnung auf eine konjunkturelle Erholung gedämpft wurde, ist nun mit einer weiteren deutlichen Verschlechterung der Einschätzungen zu rechnen.
Ausblick: Viel hängt an einem Nadelöhr
Für die weitere wirtschaftliche Entwicklung bleibt die Lage im Nahen Osten der entscheidende Faktor. Eine nachhaltige Entspannung bei Energiepreisen und Lieferketten ist ohne eine Normalisierung der Situation rund um die Straße von Hormus kaum vorstellbar
Über den Autor: Robert Greil ist Chefstratege bei der Privatbank Merck Finck, die zur europaweit agierenden Quintet Private Bank gehört. An dieser Stelle gibt der Experte regelmäßig seine Einschätzung zu kommenden Marktentwicklungen.



