US-Midterms: Portfolios vorbereiten, nicht auf Wahlausgänge wetten
In der öffentlichen Wahrnehmung sind die US-Zwischenwahlen am 3. November vor allem eine Abstimmung über die Person Trump. Für Anleger wichtig ist aber vor allem, dass die Midterms die Erwartungen an Haushaltspolitik, Steuern, Regulierung, Handel, Inflation und Zinsen neu sortieren können. Wie dieser Prozess ausgeht, ist zuvorderst vom Wahlergebnis, aber auch von einer Vielzahl anderer Faktoren abhängig. Für Anleger gilt daher: Nicht auf ein politisches Ergebnis wetten, sondern Portfolios so aufstellen, dass sie mehrere Szenarien aushalten. Die kommenden Wochen dürften entsprechend unruhiger werden. Politische Unsicherheit erhöht häufig die Schwankungen an den Märkten, vor allem auf Branchenebene. Einzelne Branchen können kurzfristig profitieren oder unter Druck geraten. Genau darin liegt aber auch eine Chance: Volatilität schafft Einstiegspunkte, wenn Anleger wissen, welche Vermögenswerte sie langfristig halten wollen.
Mehrheiten allein sind nicht der entscheidende Faktor
Fundamentale Trends bezüglich Wachstum, Inflation, Zinsen und Unternehmensgewinnen bleiben wichtiger als die reine Frage, welche Partei am Ende welche Kammer kontrolliert. Politische Mehrheiten sind ein Auslöser. Entscheidend für die Märkte ist aber die Transmission: Welche Maßnahmen werden tatsächlich beschlossen? Wie wirken sie auf Gewinne und Investitionen von Unternehmen, die Kaufkraft der Bürger und die Renditen von Anleihen? Deshalb sollten Anleger die Midterms nicht isoliert betrachten. Sie treffen auf ein Umfeld, in dem die US-Wirtschaft zwar weiter robust ist, die Staatsverschuldung aber hoch bleibt und weiter steigt, die Renditen am langen Ende bereits spürbar gestiegen sind und die Energiepreise durch den Iran-Krieg ein erhebliches Inflationsrisiko bleiben. Die Wahl kann die Auswirkungen dieser Themen verschärfen oder entschärfen. Aber sie nicht grundlegend ändern.
Drei Szenarien, eine Portfoliologik
Wir rechnen mit drei unterschiedlichen Szenarien:
Weiterhin republikanische Mehrheiten in beiden Kongresskammern – ein Szenario, das wir für eher unwahrscheinlich halten – könnten zyklische Werte sowie Deregulierungsthemen und damit vor allem Finanz-, Energie- und Industriewerte stützen.
Eine geteilte Regierung – aus unserer Sicht das wahrscheinlichste Szenario – würde stärkere legislative Einschränkungen bedeuten. Das kann politische Durchgriffe erschweren, aber auch fiskalische oder regulatorische Änderungen begrenzen. In einem solchen Umfeld bleiben Qualitätswerte, breite US-Aktien und hochwertige Anleihen besonders wichtig.
Ein in beiden Kammern demokratisch kontrollierter Kongress könnte wiederum zu stärkerer Streuung zwischen Sektoren führen. Wachstumsstarke Qualitätsaktien („Quality Growth“), Gesundheitswesen und Stromnetze wären dann Bereiche, auf die Anleger besonders achten sollten.
Entscheidend ist jedoch: Keines dieser Szenarien spricht für eine pauschale Alles oder-nichts-Positionierung. Die bessere Strategie ist, robuste Bausteine im Portfolio zu halten und taktisch dort aktiv zu werden, wo Wahlunsicherheit die Bewertungen verzerrt.
Qualität bleibt der Kern stabiler Portfolios
Für Aktien bedeutet das: US-Qualitätswerte bleiben aus unserer Sicht der wichtigste Anker. Unternehmen mit stabilen Cashflows, soliden Bilanzen und Preissetzungsmacht sind in einem politisch unsicheren Umfeld besonders wertvoll. Hinzu kommen strukturelle Themen, die nicht von einem einzelnen Wahlausgang abhängen: KI-Infrastruktur, Elektrifizierung, Verteidigung und ausgewählte Infrastrukturinvestitionen. Gerade diese Themen dürften auch nach den Midterms relevant bleiben. Rechenzentren brauchen Strom und Netze. Verteidigungsausgaben steigen nicht nur in den USA, sondern auch in Europa. Die Modernisierung der Energie- und Industrieinfrastruktur bleibt notwendig, unabhängig davon, welche Partei kurzfristig die Oberhand gewinnt. Für Anleger ist das wichtiger als die Frage, welcher Sektor in der Woche nach der Wahl am stärksten reagiert.
Anleihen wieder als Schutzbaustein nutzen
Auch hochwertige Anleihen verdienen in diesem Umfeld mehr Aufmerksamkeit. In den Jahren extrem niedriger Zinsen war ihr Diversifikationsbeitrag begrenzt. Heute liefern kurz- bis mittelfristige Investmentgrade-Anleihen wieder lukrative laufende Erträge und können helfen, politische und wirtschaftliche Unsicherheit im Portfolio abzufedern. Das Ziel ist nicht, die perfekte Zinsprognose abzugeben. Entscheidend ist ein vernünftiges Verhältnis aus Ertrag, Duration und Qualität. Taktische Strukturen können zusätzlich interessant werden, wenn die Wahlunsicherheit die Volatilität erhöht und dadurch bessere Konditionen schafft. Das gilt aber nur als Ergänzung, nicht als Ersatz für ein robustes Kernportfolio. Anleger sollten Wahlvolatilität nutzen, nicht ihr Portfolio von ihr abhängig machen. Die US Midterms werden kein nachhaltiges Richtungssignal für die Märkte liefern. Sie sind aber ein guter Anlass für Anleger, die Positionierung von Portfolios neu auszubalancieren. Die wesentlichen Eckpfeiler dafür sind simpel: auf hohe Qualität bei Aktien setzen, Anleihen als Schutzbaustein nutzen und Kursrücksetzer gezielt für den Einstieg nutzen.
Über den Autor:
Robert Greil ist Chefstratege bei der Privatbank Merck Finck, die zur europaweit agierenden Quintet Private Bank gehört. An dieser Stelle gibt der Experte regelmäßig seine Einschätzung zu kommenden Marktentwicklungen.
