Jackson Hole: Gibt Warsh den Bondmärkten eine Beruhigungspille?
Wenn Kevin Warsh am Freitag in Jackson Hole spricht, geht es um mehr als den Zinspfad der Fed. Der neue Chef der US-Notenbank muss vor allem erklären, wie unabhängig, berechenbar und entschlossen die US-Notenbank in einem Umfeld agieren will, in dem die Inflation hartnäckig bleibt und die Staatsverschuldung hoch ist und immer weiter steigt. Dieser Cocktail wird noch verschärft durch die Unruhe der Anleihemärkte und die umstrittenen Gegenmaßnahmen des US-Finanzministers. Für Anleger könnte die Rede von Warsh zum wichtigsten Markttest vor dem Herbst werden.
Besonders groß ist die Spannung, weil Warsh die Fed-Kommunikation bisher mit deutlich weniger Forward Guidance betrieben hat als seine Vorgänger. Gerade in der aktuellen Lage kann zu viel Unschärfe zum Problem werden. Die Bondmärkte sind nervös, die langfristigen US-Renditen sind stark gestiegen, und der jüngste Eingriff der US-Regierung in den Treasury-Markt verlangt nach einer Einordnung der Fed.
Denn die von Finanzminister Scott Bessent verlautbarte Operation entspricht im Kern der früheren „Operation Twist“ der Fed höchstselbst. Das Finanzministerium versucht, über Anleihekäufe am langen Ende Druck von den Renditen zu nehmen. Früher war ein solcher Eingriff in die Zinsstrukturkurve klassisch Sache der Fed. Genau deshalb wird Warsh in Jackson Hole auch erklären müssen, wie er das Zusammenspiel von Geldpolitik, Fiskalpolitik und Marktinterventionen künftig sieht.
Hinsichtlich des weiteren Leitzinspfades sollten die Märkte nicht mit allzu vielen Hinweisen von Warsh rechnen. Er dürfte sich eher auf das große Bild konzentrieren und möglicherweise einen ersten Einblick in die Arbeit der von ihm gerufenen fünf Task Forces zu unterschiedlichen Feldern der Zentralbankarbeit geben.
Die Märkte haben sich derweil ihre Zinsmeinung gebildet: Gemessen an den Fed Funds Futures preisen sie eine deutliche Wahrscheinlichkeit für eine Leitzinsanhebung bis Oktober ein. Wir rechnen vor den US-Zwischenwahlen, den „Midterms“, dagegen mit keinem Zinsschritt der Fed. Ein solcher Schritt würde der ohnehin stark unter Verschuldungsdruck stehenden US-Regierung und den Interessen der Trump-Administration klar zuwiderlaufen. Diesen frühen Bruch mit dem Präsidenten dürfte Warsh in seiner noch jungen Amtszeit zu verhindern versuchen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Fed das Inflationsrisiko und auch den US-Arbeitsmarkt ignorieren kann. Sollte sich bei den Energiepreisen bis Jahresende keine Entspannung zeigen, insbesondere vor dem Hintergrund des Iran-Kriegs, bliebe ein Zinsschritt nach oben im Dezember aus unserer Sicht sehr wahrscheinlich.
Der Fed-Chef hat also mehrere Drahtseilakte zu bewältigen. Genau deshalb ist Jackson Hole so wichtig. Warsh kann die Märkte mit einer überzeugenden Rede beruhigen. Er kann sie mit anhaltend nebulöser Kommunikation aber auch noch weiter verunsichern. Das wäre riskant, denn an den Bondmärkten rumort es bereits deutlich. Die Renditen langlaufender US-Staatsanleihen liegen so hoch wie seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr.
Aus unserer Sicht fällt die Entscheidung über die weitere Entwicklung von Wall Street und anderen Aktienmärkten in diesem Herbst am Bondmarkt. Denn dort laufen derzeit die Folgen der wichtigsten Marktrisiken zusammen: kriegsbedingt steigende Staatsverschuldung, immer größere Anleiheemissionen der KI-Riesen, höhere Ölpreise und damit neue Inflationsrisiken sowie der künftige Kurs der Fed. Deshalb ist Jackson Hole in diesem Jahr noch weniger als sonst ein reines Notenbankertreffen. Es ist vielmehr ein Glaubwürdigkeitstest für die Fed und ein Stresstest für die Bondmärkte.
Über den Autor:
Robert Greil ist Chefstratege bei der Privatbank Merck Finck, die zur europaweit agierenden Quintet Private Bank gehört. An dieser Stelle gibt der Experte regelmäßig seine Einschätzung zu kommenden Marktentwicklungen.
