Der Gesundheitssektor gilt seit Jahren als eine der stabilsten Branchen an den Kapitalmärkten. Medikamente, medizinische Geräte und Dienstleistungen sind Grundbedürfnisse, die unabhängig von Konjunkturzyklen nachgefragt werden. Doch ist ein Investment in Health-Care-Aktien tatsächlich ein sicherer Hafen – oder lauern versteckte Risiken?
Mit einem geschätzten Marktvolumen global von über 12 Billionen USD (2024) und einem durchschnittlichen Wachstum von 5-6 % über die letzte Dekade sehen wir im Gesundheitssektor einen langfristigen Megatrend. Und es gibt mehrere Gründe dafür: Gerade in westlichen Ländern ist hier zunächst der demografische Wandel zu nennen. Die alternde Bevölkerung in Industrieländern sorgt für steigende Nachfrage nach Medikamenten, Pflege und Diagnostik. Aber auch eine hohe Innovationskraft spricht für den Sektor. So eröffnen Fortschritte in Biotechnologie, personalisierter Medizin und Digitalisierung neue Märkte. Darüber hinaus wird dem Sektor eine hohe defensive Qualität zugesprochen. Gesundheitsunternehmen sind weniger anfällig für Rezessionen, da medizinische Versorgung nicht beliebig verschiebbar ist.
Gegen den Sektor sprechen derweil regulatorische und politische Risiken. Regierungen und Krankenkassen setzen Pharmaunternehmen unter Druck, Preise zu senken – besonders in den USA, dem größten Gesundheitsmarkt. Darüber hinaus sind Risiken im Vorfeld der Zulassung neuer Wirkstoffe und Therapien oft nicht einmal von Experten seriös einzuschätzen, während die Forschung teuer und langwierig ist. Ein gescheitertes Medikament kann Milliarden vernichten. Dies ist gerade für reine Pharma- und Biotech-Titel ein erheblicher Risikofaktor. Der intensive Einsatz Künstlicher Intelligenz verspricht zwar Einsparungen, insbesondere in frühen Entwicklungs- und Zulassungsphasen, doch eine Künstliche Intelligenz kann den größten Kosten- und Risikofaktor – die klinischen Studien – nicht ersetzen.
Dies wurde gerade Anfang dieser Börsenwoche wieder eindrucksvoll durch Unternehmensmeldungen von Novo Nordisk und Bayer unter Beweis gestellt: So brach die Aktie von Novo Nordisk um rund 10 % ein, nachdem der Pharmakonzern, nach Markteinschätzungen, einen herben Rückschlag bei Alzheimer-Studien hinnehmen musste. Die Phase-3-Studien mit dem Wirkstoff Semaglutid (bekannt aus Ozempic/Wegovy) zeigten keine signifikante Verlangsamung des Krankheitsfortschritts gegenüber Placebo. Damit entfällt ein potenzieller Milliardenmarkt für Alzheimer-Therapien.
Genau entgegengesetzt reagierte die Aktie der Bayer AG, die um über 10 % zulegte, nachdem das Unternehmen positive Phase-III-Studienergebnisse für den Gerinnungshemmer Asundexian in der Schlaganfallprävention veröffentlichte und der Markt das entsprechend wohlwollend aufnahm.
Nicht zuletzt können sich auch rechtliche Risiken materialisieren, wodurch Patentstreitigkeiten und Produkthaftung die Bilanzen belasten können.
Während strukturelle Trends in Summe eher für ein Investment in Pharma und Gesundheit sprechen, gibt es also auf Ebene der Einzeltitel erhebliche Risiken zu beachten, die für Privatanleger nicht leicht beherrschen sind.
Einige der wichtigsten Faktoren, die Investoren berücksichtigen sollten:
- Regulierung und Gesetzgebung: Änderungen in der Gesundheitspolitik (z. B. Preisdeckelungen) wirken sich direkt auf Margen aus.
- Forschungspipeline: Bei Pharma- und Biotech-Firmen ist die Produktentwicklung entscheidend. Anleger sollten beachten, in welcher Phase der klinischen Studien neue Wirkstoffe oder Therapien sind und wie wahrscheinlich Experten einen Erfolg einschätzen.
- Diversifikation: Einzelne Titel bergen hohe Risiken. Breite Portfoliolösungen können Schwankungen abfedern.
- Technologischer Wandel: Digitalisierung und KI verändern Diagnostik und Therapie – Gewinner sind oft nicht die klassischen Pharma-Riesen.
- Bewertung: Viele Health-Care-Aktien gelten als „sicher“, sind aber teilweise hoch bewertet. Ein Blick auf KGV und Cashflow ist Pflicht.
Unserer Meinung nach bietet der Gesundheitssektor langfristig attraktive Chancen, vor allem durch demografische Trends und Innovationen. Dennoch ist er kein Selbstläufer: Regulatorische Eingriffe, hohe Forschungskosten und technologische Disruption erfordern eine sorgfältige Analyse. Wer investiert, sollte nicht nur auf die defensive Natur der Branche vertrauen, sondern die individuellen Risiken im Blick behalten.
Über den Autor: Marc Decker ist Co-Leiter Aktien bei der europaweit agierenden Quintet Private Bank, zu der die deutsche Privatbank Merck Finck gehört. Im Blitzlicht der Woche kommentiert der Experte regelmäßig aktuelle Entwicklungen an den internationalen Aktienmärkten.



