Autoindustrie: vom Wachstumsmotor zum Bremsklotz der deutschen Wirtschaft

Die deutsche Autoindustrie dürfte bis 2030 schneller an Boden verlieren, als viele derzeit erwarten. Für die deutsche Wirtschaft ist das ein erhebliches Risiko: Eine Branche, die jahrzehntelang Wachstumsanker, Exportmotor und Produktivitätsversprechen zugleich war, droht zunehmend selbst zum Bremsfaktor zu werden.
 
Die Größenordnung ist entscheidend. Die Automobilindustrie steht noch immer für gut fünf Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung und gut ein Fünftel der Exporte. Kraftwagen und Kraftwagenteile sind laut offiziellen Exportstatistiken weiterhin Deutschlands wichtigste Exportgüter. Die zunehmenden Probleme der Branche gerade in Deutschland bedeuten nicht nur schmerzhafte Einschnitte in einer einzelnen Industrie, sondern ein gesamtwirtschaftliches Problem.
 
Probleme der Autohersteller strahlen auf andere Bereiche ab
 
Der mögliche Stellenabbau bei Volkswagen, bei dem von einer Streichung von 100.000 Jobs die Rede ist, steht symptomatisch für den sich zunehmend abzeichnenden Niedergang. Und er hat eine Multiplikatorwirkung: bezüglich anderer Autobauer sowie für die Zulieferindustrie, bei der mindestens noch einmal ein ähnlich hoher Anpassungsdruck droht. Auch branchenfremde Dienstleister, die hohe Umsatzanteile mit der Automobilbranche aufweisen, werden leiden.
 
Die Ursachen reichen tiefer als die aktuelle Nachfrageschwäche. Die Branche zahlt zunehmend den Preis für jahrelangen Know-how-Transfer, vor allem in Richtung China. Was lange als Zugang zum wichtigsten Wachstumsmarkt galt, ist zum Bumerang geworden und kehrt nun als Wettbewerbsdruck zurück. Chinesische Hersteller sind in vielen Zukunftsfeldern schneller, besser und vor allem billiger geworden – bei Batterien, Software, Kostenstrukturen, Modellzyklen und zunehmend auch im Export.
 
Standortnachteil Deutschland
 
Hinzu kommen multiple Krisen: Corona, Ukraine-Krieg, Iran-Konflikt, US-Handelsstreit, Chip- und Lieferkettenengpässe sowie ein jahrelanger politischer Zickzack-Kurs vor allem hinsichtlich der Elektromobilität. Gleichzeitig bleiben die Standortnachteile in Deutschland erheblich: hohe Energie- und Stromkosten, hohe Lohnkosten, komplexe Regulierung und eine sprunghafte Subventionspolitik. Für eine kapitalintensive Industrie, die gleichzeitig massiv in Elektrifizierung, Software und neue Plattformen investieren muss, ist das eine besonders ungünstige Kombination.
 
Besonders kritisch ist der Rückstand bei Software und Elektronik. Das Auto wird immer stärker zur softwaredefinierten Mobilitätshülle. Konnektivität, Updates, digitale Dienste, Fahrerassistenz und KI-gestützte Funktionen entscheiden zunehmend über Produktwahrnehmung und Kundenbindung. Genau hier haben deutsche Hersteller nicht den Vorsprung, den sie über Jahrzehnte bei Motoren, Fahrwerk und Verarbeitung hatten.
 
Nimbus der deutschen Automarken verliert an Kraft
 
Damit verändert sich auch die Markenwahrnehmung. Die Loyalität gegenüber deutschen Automarken nimmt ab, vor allem dort, wo neue Wettbewerber bei Preis, Technologie, Nutzererlebnis und Innovationsgeschwindigkeit überzeugender wirken. „Premium“ allein reicht nicht mehr, wenn Software, Batterieeffizienz und digitale Produktlogik zum Kern des Wettbewerbs werden.
 
Wir rechnen deshalb mit sich weiter beschleunigenden Marktanteilsverlusten deutscher Hersteller. Die voranschreitende KI-Implementierung könnte diesen Prozess sogar noch verstärken. Sie beschleunigt Entwicklungszyklen, senkt Eintrittsbarrieren in einzelnen Wertschöpfungsstufen und erhöht den Druck auf Unternehmen, die noch stark in traditionellen Organisations- und Produktionslogiken verhaftet sind.
 
Noch längere Stagnation der deutschen Wirtschaft wird wahrscheinlicher
 
Für Deutschland ist das ein großes Problem. Wenn die Autoindustrie noch mehr unter Margendruck gerät, trifft das nicht nur Hersteller und Zulieferer, sondern auch Investitionen, Beschäftigung, regionale Industriecluster und die Exportbasis. Zusammen mit strukturellen Problemen in weiteren Branchen könnte sich der Arbeitsplatzabbau in der Industrie insgesamt weiter beschleunigen.
 
Unterm Strich dürften die Zeiten, in denen deutsche Autos die Wachstumslokomotive der heimischen Wirtschaft waren, endgültig vorbei sein. Stattdessen droht die Branche zunehmend zum Bremsklotz für das Wirtschaftswachstum zu werden. Das bedeutet: Selbst stützende Fiskalpakete für Verteidigung und Infrastruktur könnten weniger Wachstumsdynamik entfalten, als viele Prognosen derzeit reflektieren. Eine länger anhaltende Stagnation wird immer mehr zu einem wahrscheinlichen Szenario. Im Vergleich zu anderen Regionen bedeutet das: handfeste Wohlstandsverluste.

 

Über den Autor: Robert Greil ist Chefstratege bei der Privatbank Merck Finck, die zur europaweit agierenden Quintet Private Bank gehört. An dieser Stelle gibt der Experte regelmäßig seine Einschätzung zu kommenden Marktentwicklungen.

 

 

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