EZB: Lagarde und Zinspause mit Ablaufdatum
Die EZB hat nicht nur den erwarteten vorzeitigen Abgang ihrer Präsidentin Christine Lagarde – sie soll anstatt regulär bis Oktober 2027 nur noch bis 7. Februar 2027 im Amt bleiben – gemeldet. Sie hat bei ihrer heutigen Sitzung auch ihre Leitzinsen wie erwartet unverändert belassen. Der Einlagensatz bleibt damit bei 2,5 Prozent. Die heutige Entscheidung ist allerdings weniger als Entwarnung, denn als Aufschub zu verstehen. Denn Noch-EZB-Chefin Lagarde deutete mit der verstärkten Betonung der Gefahr von Sekundäreffekten der länger andauernden und weiter gestiegenen Energiepreise für Dezember eine mögliche weitere Leitzinserhöhung für Dezember an. Dann wird die Notenbank auch ihre überarbeiteten Wachstums- und Inflationsprognosen vorlegen, die eine weitere Straffung geldpolitisch zusätzlich untermauern dürften.
Die EZB ist derzeit zwischen zwei zentralen Risiken fast schon eingeklemmt: Einerseits droht angesichts wohl länger erhöht bleibender Energiepreise ein weiterer Inflationsanstieg. Andererseits wächst mit Blick auf Frankreich das Risiko zunehmender Spannungen an den Staatsanleihemärkten. Die Kombination aus hoher Verschuldung, strukturell hohem Defizit und politischer Unsicherheit vor den Präsidentschaftswahlen im April und Mai 2027 ist eine zunehmend ungünstige Gemengelage. Weder kann die EZB ihr Kernmandat – Preisstabilität – vernachlässigen, noch wird sie dem möglicherweise weiter steigendem Druck auf Frankreich und eventuell andere Länder mit angespannten Haushalten unbegrenzt zusehen wollen.
Frankreich könnte zur Belastungsprobe für die EZB werden
Die Risikoaufschläge französischer Staatsanleihen gegenüber Bundesanleihen haben in der Spitze kürzlich bereits 170 Basispunkte erreicht – so viel wie seit 2011 nicht mehr. Eine weitere Ausweitung erscheint möglich. Die Märkte könnten die EZB in den kommenden Monaten daraufhin testen, ab welchem Niveau sie stabilisierend eingreift.
Die französische Haushaltskrise könnte sich dabei selbst dann weiter verschärfen, wenn ein Haushalt für 2027 verabschiedet werden sollte. Denn die politische Unsicherheit vor den Wahlen belastet Investitionen, Wachstum und Steuereinnahmen. Anhaltende Straßenproteste und Gewalt könnten die wirtschaftliche Dynamik zusätzlich beeinträchtigen. Zugleich ist Marine Le Pen auf Basis von Umfragen Favoritin für die anstehenden Wahlen im April/Mai 2027. Ihre angekündigten Vorhaben, darunter eine Rückkehr zu einem früheren Renteneintrittsalter und die Rücknahme von Reformen, könnten die Konsolidierung der öffentlichen Finanzen zusätzlich erschweren.
Christine Lagarde hielt sich heute mit Signalen, die auf umfangreiche Käufe französischer Staatsanleihen hindeuten könnten, klar zurück. Vielmehr verwies sie auf die Bedeutung solider Staatshaushalte. Das ist nachvollziehbar: Die EZB kann zwar versuchen, eine ungeordnete Fragmentierung der Finanzierungsbedingungen im Euroraum zu verhindern. Sie kann aber nicht dauerhaft die Folgen einer nicht nachhaltigen nationalen Haushaltspolitik neutralisieren.
Nachfolgefrage bei anhaltendem Inflationsrisiko und Wachstumsbremse
Gerade hier liegt das geldpolitische Dilemma. Steigende Energiepreise sprechen für höhere Leitzinsen, während eine zunehmende Wachstumsbelastung, insbesondere durch Frankreich, eigentlich für geldpolitische Zurückhaltung spricht. Gleichzeitig geht es um die Frage, inwieweit steigende Risikoaufschläge einzelner Länder auf andere Staatsanleihemärkte, etwa Italien, übergreifen könnten.
Die schon wegen Frankreich nicht mehr unwahrscheinliche Wachstumseintrübung im Euroraum könnte deshalb auch die Zinsperspektiven für das kommende Jahr verändern. Selbst wenn die EZB im Dezember nochmals um 25 Basispunkte auf dann 2,75 Prozent erhöht, spricht aus heutiger Sicht einiges dafür, dass sie die Leitzinsen 2027 dann unverändert lässt.
Nachdem der bereits länger diskutierte mögliche vorzeitige Rückzug von Christine Lagarde von der EZB-Spitze ab heute Realität ist, stellt sich die Frage nach der Nachfolge. Wir halten von den beiden wahrscheinlichsten Kandidaten – dem Niederländer Klaas Knot und dem Spanier Pablo Hernandez de Cos, den erstgenannten für etwas wahrscheinlicher. Spannend wird darüber hinaus die Frage, ob Christine Lagarde tatsächlich, wie Berichte nahelegen, zum Weltwirtschaftsforum geht. Ihre generellen Aussagen zu ihrer Person selbst heute zum Ende der Pressekonferenz legen diesen Schritt weiter nahe.
Unterm Strich hat sich die EZB mit ihrer heutigen Zinspause Zeit gekauft. Viel hängt nun von der weiteren Entwicklung der Energiepreise und insbesondere deren Zweitrundeneffekten auf die Inflation ab. Unser Basisszenario bleibt eine weitere Leitzinserhöhung im Dezember auf 2,75 Prozent und danach eine Zinspause im gesamten kommenden Jahr. Die heutige Entscheidung dürfte damit weniger das Ende des Straffungskurses markieren als vielmehr dessen vorläufige Unterbrechung vor einem letzten Schritt.
Über den Autor:
Robert Greil ist Chefstratege bei der Privatbank Merck Finck, die zur europaweit agierenden Quintet Private Bank gehört. An dieser Stelle gibt der Experte regelmäßig seine Einschätzung zu kommenden Marktentwicklungen.
