Anleihen: Wie weit tragen die höheren Zinserträge?
Höhere Anleiherenditen bedeuten für Anleger mehr als zusätzliche laufende Einnahmen. Die Erträge können inzwischen auch einen nennenswerten Teil der Kursverluste auffangen, wenn die Marktzinsen weiter steigen. Für zehnjährige Staatsanleihen haben wir berechnet: Ihre Renditen müssten in den USA für Treasuries innerhalb eines Jahres auf etwa 6 Prozent und innerhalb von zwei Jahren auf rund 6,9 Prozent steigen, bevor die Gesamtrendite negativ würde – und bei zehnjährigen Bundesanleihen wäre dafür ein Anstieg auf 4,1 Prozent auf Sicht von 12 Monaten und 4,7 Prozent von 24 Monaten nötig. Zugleich können Anleger heute in vielen Segmenten mit höherer Bonität wieder nennenswerte Erträge erzielen. Das verändert die Rolle von Anleihen im Portfolio – ohne ihre Risiken zu beseitigen.
In der Niedrigzinsphase war mit dem Kupon vieler Anleihen kaum etwas zu verdienen. Wer eine attraktive Gesamtrendite erzielen wollte, war deshalb häufig auf steigende Kurse durch fallende Marktzinsen angewiesen. Heute können die laufenden Erträge wieder einen größeren Teil der Gesamtrendite ausmachen. Anleger müssen die Richtung der Zinsen damit nicht mehr so genau vorhersagen, um mit Anleihen Erträge zu erzielen.
Laufende Erträge schaffen einen Puffer
Steigen die Marktzinsen, fallen zunächst die Kurse bestehender Anleihen. Höhere Anfangsrenditen können einen Teil dieser Kursverluste jedoch ausgleichen. Im vergangenen Jahr erzielten Anleger mit US-Staatsanleihen trotz eines deutlichen Anstiegs der langfristigen Renditen eine positive Gesamtrendite. Das heißt nicht, dass weitere Renditeanstiege folgenlos wären. Unsere Berechnung zeigt aber, dass Anleihen wieder einen Ertragspuffer bieten, den sie während der Niedrigzinsphase kaum hatten.
Wie viel Schutz bietet der Puffer?
Für Anleger kommt es darauf an, wie sich die laufenden Erträge und mögliche Kursverluste über ihren Anlagezeitraum zueinander verhalten. Wie groß der Puffer der wieder höheren Renditen ist, hängt von der Anfangsrendite und vom Anlagezeitraum ab. Unsere Berechnungen sowohl für Bundesanleihen wie für zehnjährige US-Staatspapiere zeigen: Laufende Erträge können einen weiteren Renditeanstieg über einen gewissen Zeitraum auffangen.
Mehr Ertrag auch bei höherer Bonität
Die höheren Renditen geben Anlegern zudem mehr Auswahl. In der Niedrigzinsphase mussten sie für nennenswerte Erträge häufig geringere Bonität, längere Laufzeiten oder komplexere Anlagen in Kauf nehmen. Heute bieten bereits viele Anleihen mit höherer Bonität Renditen, die vor wenigen Jahren kaum zu finden waren. Damit kann bei der Auswahl wieder stärker die Qualität und Nachhaltigkeit der Erträge im Vordergrund stehen, statt allein die Suche nach der höchsten Rendite. Zinsentwicklung, wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Kreditrisiken bleiben wichtig. Anleihen sind durch die höheren laufenden Erträge nicht risikofrei geworden. Anleger werden aber wieder besser dafür entschädigt, diese Risiken einzugehen. Damit könnten Anleihen im Portfolio wieder stärker ihre traditionelle Rolle erfüllen: laufende Erträge liefern und zur Diversifizierung beitragen.
Über den Autor:
Robert Greil ist Chefstratege bei der Privatbank Merck Finck, die zur europaweit agierenden Quintet Private Bank gehört. An dieser Stelle gibt der Experte regelmäßig seine Einschätzung zu kommenden Marktentwicklungen.
