Der globale KI-Boom entscheidet sich nicht in Rechenzentren, sondern im Stromnetz. Während Hyperscaler Rechenleistung skalieren, schaffen Energieversorger die physische Grundlage: Stromerzeugung, Netze und Verteilinfrastruktur. Unsere Analyse des europäischen und US-amerikanischen Marktes zeigt, dass KI weniger ein Digitalthema als ein Infrastrukturprojekt ist – mit erheblichen regionalen Unterschieden.
In den USA wächst die Stromnachfrage so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Studien zufolge könnten KI-Rechenzentren ihren Anteil am US-Stromverbrauch bis 2030 von heute rund 4–5 % auf etwa 8–12 % erhöhen. Dieser Anstieg entspricht dem zusätzlichen Energiebedarf von mehr als 20 Millionen Haushalten. Insgesamt wird für die USA bis 2030 ein jährliches Nachfragewachstum von über 2 % erwartet, wobei Rechenzentren allein fast einen Prozentpunkt beitragen. Generative KI wirkt dabei als zusätzlicher Beschleuniger: Eine einzelne Abfrage kann bis zu dreißigmal mehr Energie verbrauchen als eine herkömmliche Internetsuche. Versorgungsunternehmen sind dadurch gezwungen, massiv in Netze, zusätzliche Erzeugungskapazitäten, Speichertechnologien und Übertragungskapazitäten zu investieren.
Auch Europa steht laut IEA und Eurostat vor einem deutlichen Nachfrageanstieg. Nach Jahren stagnierenden oder rückläufigen Stromverbrauchs zeichnet sich wieder Wachstum ab. Bis 2033 rechnen Analysten damit, dass KI-Rechenzentren und klassische Datenverarbeitung mindestens 50 Terawattstunden zusätzliche Last erzeugen. Die Ausgangslage ist jedoch regional sehr unterschiedlich. Zwar hat Europa stark in erneuerbare Energien investiert, der Netzausbau hinkt jedoch hinterher. Die Integration neuer Kapazitäten wird dadurch erschwert, länderübergreifende Übertragungsnetze sind vielfach unzureichend dimensioniert. Die Folgen sind steigende Engpasskosten, lange Anschlusswarteschlangen und strukturelle Überlastungen. In einzelnen Ländern übersteigen die Wartelisten für Netzanschlüsse bereits das gesamte bestehende Kraftwerksportfolio.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Regionen liegt im regulatorischen Rahmen. In den USA operieren viele Versorger in vertikal integrierten Strukturen und erzielen im Rahmen kostenbasierter Regulierung Eigenkapitalrenditen von rund 9–10 %. Das schafft Investitionssicherheit und beschleunigt den Ausbau von Netzen, Speichern und neuer Erzeugungsleistung. Europa setzt dagegen überwiegend auf liberalisierte Strommärkte mit Wettbewerb in Erzeugung und Vertrieb sowie regulierten Netzmonopolen. Die zulässigen Eigenkapitalrenditen liegen meist unterhalb von 8 %. Dieser Ansatz ist verbraucherfreundlich, führt jedoch zu geringerer Profitabilität und erschwert die Finanzierung des erforderlichen Netzausbaus.
Der KI-Boom macht diese strukturellen Unterschiede zunehmend sichtbar. Die USA profitieren von geringerer Fragmentierung, stabileren regulatorischen Rahmenbedingungen und höheren zulässigen Renditen. Europa investiert zwar ebenfalls hohe dreistellige Milliardenbeträge, der Nachholbedarf im Netz ist jedoch größer, die Genehmigungsprozesse komplexer und die Marktstruktur fragmentierter.
Für beide Märkte gilt: Die Rolle der Versorger wird im KI-Zeitalter strategisch zentral. Jedes neue KI-Modell, jede Serverfarm und jeder hochautomatisierte Prozess benötigt verlässliche Stromversorgung rund um die Uhr. Das Wachstum von KI wird daher weniger durch Software oder Chips begrenzt als durch Netze, Umspannwerke, Kraftwerke und Übertragungsinfrastruktur.
Vor diesem Hintergrund ist insbesondere der deutsche Transformationspfad mit schleppendem Netzausbau, langwierigen Genehmigungsprozessen und einem strukturellen Ungleichgewicht zwischen Erzeugungs- und Netzkapazitäten kritisch zu bewerten, da er die Voraussetzungen für ein energieintensives KI-Wachstum nur eingeschränkt erfüllt.
Fazit: Wir bevorzugen in der Portfolioallokation Versorgerunternehmen – vor allem aus den USA –, deren Geschäftsmodelle unmittelbar von diesem strukturellen Nachfrageanstieg profitieren und die über die regulatorischen sowie infrastrukturellen Voraussetzungen verfügen, um den KI-getriebenen Wachstumspfad nachhaltig zu monetarisieren.
Über den Autor: Marc Decker ist Co-Leiter Aktien bei der europaweit agierenden Quintet Private Bank, zu der die deutsche Privatbank Merck Finck gehört. Im Blitzlicht der Woche kommentiert der Experte regelmäßig aktuelle Entwicklungen an den internationalen Aktienmärkten.



