Europäische Banken sind derzeit womöglich nicht die stärkeren Banken, aber die attraktiveren Bankaktien. Während US-Institute strukturell von höherem Wachstum, tieferen Kapitalmärkten und breiteren Geschäftsmodellen profitieren, bieten europäische Banken aktuell die überzeugendere Kombination aus niedriger Bewertung, hoher Kapitalrendite und attraktiven Ausschüttungen. Für Anleger spricht also einiges für einen selektiven Blick nach Europa statt für einen pauschalen Aufschlag auf US-Banken.
Bankaktien zählen seit einigen Jahren zu den großen Gewinnern des gestiegenen Zinsumfelds. Nach Jahren niedriger Margen und strenger Regulierung haben die kräftigen Zinserhöhungen diesseits und jenseits des Atlantiks die Ertragskraft vieler Institute deutlich verbessert. Die entscheidende Frage lautet nun: Wo ist das Verhältnis von Bewertung zu Ertragspotenzial attraktiver?
Bewertung spricht für Europa
Ein erster Blick spricht klar zugunsten Europas. Viele große europäische Banken wie BNP Paribas, Banco Santander, Intesa Sanpaolo, UniCredit oder Société Générale werden trotz deutlich gestiegener Gewinne häufig nur mit dem 0,7- bis 1,1-fachen ihres Buchwerts gehandelt. Gleichzeitig liegen die Eigenkapitalrenditen vieler Institute inzwischen im Bereich von 12 bis 20 Prozent. US-Großbanken wie JPMorgan Chase, Goldman Sachs oder Morgan Stanley erreichen zwar teilweise höhere Profitabilitätskennzahlen. Dafür werden sie aber auch mit spürbaren Bewertungsaufschlägen gehandelt. Genau darin liegt der Unterschied: Die USA bieten vielfach die stärkeren Geschäftsmodelle, Europa derzeit aber den günstigeren Einstieg.
USA bleiben strukturell im Vorteil
Das spricht nicht für einen einfachen Europa-Optimismus. Beim Wachstum besitzen die USA weiterhin klare Vorteile. Die amerikanische Wirtschaft wächst seit Jahren schneller als die meisten europäischen Volkswirtschaften. Eine höhere Konsumdynamik, ein flexiblerer Arbeitsmarkt und die starke Position im Technologiesektor schaffen ein günstigeres Umfeld für Kreditnachfrage und Kapitalmarktaktivitäten.
Der Wachstumsausblick für europäische Banken ist da verhaltener. Demografie, geringere Produktivitätsdynamik und politische Unsicherheiten belasten das Umfeld. Hinzu kommt die schwache Kapitalmarktintegration. Anders als in den USA gibt es in Europa keinen vollständig einheitlichen Bankenmarkt. Nationale Regulierung und politische Interessen erschweren grenzüberschreitende Fusionen und begrenzen Skaleneffekte, wie derzeit auch an der Debatte um UniCredit und Commerzbank zu sehen ist.
Zinsen, Kapital und Ausschüttungen stützen
Dennoch spricht das aktuelle Umfeld nicht nur für die Vereinigten Staaten. Nach den aggressiven Zinserhöhungen der vergangenen Jahre profitieren europäische und amerikanische Banken von höheren Nettozinsmargen. In Europa war dieser Effekt besonders ausgeprägt, weil viele Institute zuvor lange unter Negativzinsen gelitten hatten. Selbst wenn die Europäische Zentralbank ihre Geldpolitik weiter lockert, dürfte das Zinsniveau historisch betrachtet attraktiv genug bleiben, um solide Margen zu ermöglichen.
Auch die Kreditausfallraten haben sich bislang robuster entwickelt, als viele angesichts höherer Finanzierungskosten erwartet hätten. Die Arbeitsmärkte zeigen sich widerstandsfähig, und Unternehmen verfügen vielfach noch über solide Bilanzen. Auch wenn sich in den USA die Risiken im Bereich gewerblicher Immobilienfinanzierungen mehren, vor allem bei kleineren und regionalen Banken. Europäische Banken erscheinen in diesem Segment insgesamt weniger exponiert.
Ein weiteres Argument ist die Kapitalausstattung. Nach Jahren intensiver Reformen verfügen viele europäische Institute heute über deutlich höhere Kapitalquoten als vor der Finanzkrise. Das verbessert die Stabilität des Sektors und ermöglicht umfangreiche Ausschüttungen. Viele Banken nutzen überschüssiges Kapital für Aktienrückkäufe und steigende Dividenden. Gerade bei europäischen Instituten liegen die Dividendenrenditen häufig zwischen sechs und zehn Prozent.
Europa bleibt ein Value-Trade
Unter dem Strich sind US-Banken strukturell weiterhin die stärkeren Institute. Sie profitieren von höherem Wirtschaftswachstum, tieferen Kapitalmärkten und breiter diversifizierten Geschäftsmodellen. Für Anleger könnten europäische Banken derzeit dennoch die interessanteren Aktien sein.
Die Kombination aus niedriger Bewertung, soliden Eigenkapitalrenditen, robusten Bilanzen und attraktiven Ausschüttungen spricht aktuell für Europa. Entscheidend ist, selektiv zu bleiben. Europäische Banken sind kein pauschaler Qualitätstrade. Sie sind vor allem ein Value-Trade. Für Investoren, die auf Bewertung, Kapitaldisziplin und laufende Ausschüttungen achten, sind Europas Banken derzeit schwer zu ignorieren.
Über den Autor: Marc Decker ist Co-Leiter Aktien bei der europaweit agierenden Quintet Private Bank, zu der die deutsche Privatbank Merck Finck gehört. Im Blitzlicht der Woche kommentiert der Experte regelmäßig aktuelle Entwicklungen an den internationalen Aktienmärkten..
