Staatsschulden in Europa: Risiken werden noch immer unterschätzt
 
An den Märkten rückt ein Risiko stärker in den Vordergrund, das lange unterschätzt wurde und teils noch immer wird: die politische und fiskalische Verlässlichkeit Europas. Zwar ist die Schuldensituation auf beiden Seiten des Atlantiks besorgniserregend. In Europa sind die Risiken aber aus unserer Sicht aktuell sogar größer als in den USA. 

Wir reduzieren deswegen unsere Allokation in europäischen Staatsanleihen zugunsten von US-Staatsanleihen. Der Grund ist, dass die politischen und fiskalischen Risiken in Europa aus unserer Sicht noch nicht ausreichend eingepreist sind. Spanien wählt Ende November vorzeitig, Frankreich und Italien folgen 2027. Damit rückt eine Phase näher, in der Staatsfinanzen, politische Mehrheiten und Reformfähigkeit wieder stärker über Risikoprämien entscheiden dürften. Wir sehen hier Risiken, für die Anleger mit den aktuellen Renditeniveaus möglicherweise noch nicht ausreichend kompensiert werden. 


Keine Wette gegen Europa, sondern eine taktische Risikosteuerung
Dies ist keine Wette gegen Europa. Es geht darum, eine mögliche Volatilitätsquelle im Portfolio zu reduzieren. Staatsanleihen aus Europa sind nicht mehr automatisch der ruhige Gegenpol im Portfolio. Sie können selbst zur Quelle von Schwankungen werden, wenn politische Unsicherheit und fiskalische Zweifel zunehmen.
Vor diesem Hintergrund erhöhen wir unser Engagement in US-Staatsanleihen auf eine moderate Übergewichtung und sichern das US-Dollar-Engagement in Euro ab. Unser Ziel ist nicht, eine bestimmte Renditedifferenz zwischen den USA und der Eurozone auszunutzen. Wir verlagern einen Teil des Rentenengagements in einen Markt, in dem wir derzeit weniger unmittelbare politische und fiskalische Risiken sehen.


Frankreich, Italien und Spanien im Fokus
Insbesondere Frankreich dürfte 2027 zur Bewährungsprobe für die Märkte werden. Sorgen um die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen, politische Zersplitterung und die künftige wirtschaftspolitische Ausrichtung belasten bereits die Stimmung. Französische Staatsanleihen haben bereits eine erste Verkaufswelle gesehen. Sie könnte noch länger anhalten, solange es keine Einigung über einen Staatshaushalt gibt, der ausreichende Einsparungen vorsieht.

Allerdings ist das kein rein französisches Thema. Auch in Italien und Spanien zeichnet sich ebenfalls Druck auf die Staatshaushalte und damit auf die jeweiligen Anleihensegmente ab. Deutschland steht zwar solider da, hat aber seine eigenen Herausforderungen und bleibt zudem Teil eines Währungsraums, in dem Sparbemühungen derzeit nur in wenigen Ländern mehrheitsfähig scheinen. 


Kurz- und mittelfristige Dynamik spricht eher für US-Anleihen
Auch in den USA gibt es politische Unsicherheit. Der Ausgang der bevorstehenden Zwischenwahlen könnten aber größere neue Ausgabenprogramme erschweren. Das könnte US-Staatsanleihen eher stützen. Hinzu kommt: Die Märkte haben bereits mehrere weitere Leitzinserhöhungen eingepreist. Solange sich die Inflationsdynamik nicht noch spürbar zunimmt, dürfte die Fed kaum stärker straffen, als Anleger bereits erwarten.
Unter dem Strich spricht deswegen für uns vieles dafür, das Risiko in europäischen Staatsanleihen zu reduzieren und dafür eine höhere Gewichtung in US-Staatsanleihen zu nehmen. 

 

Über den Autor:
Robert Greil ist Chefstratege bei der Privatbank Merck Finck, die zur europaweit agierenden Quintet Private Bank gehört. An dieser Stelle gibt der Experte regelmäßig seine Einschätzung zu kommenden Marktentwicklungen.

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