Nach der Rally zählt Disziplin
Nach der ordentlichen Börsenrally der vergangenen Monate nehmen wir einen Teil der Aktiengewinne mit, ohne unsere positive Grundhaltung zu Aktien aufzugeben. Wir halten an einer moderaten taktischen Übergewichtung von Aktien fest. Gleichzeitig ist jetzt der richtige Zeitpunkt, Portfolios risikoreichere und risikoärmere Vermögenswerte wieder stärker auszubalancieren.
Insbesondere unser Engagement in Aktien aus Europa haben wir zurückgefahren. Auch bei US-Aktien haben wir eine leichte Reduktion vorgenommen. Wir haben dies nicht getan, weil wir an einen strukturellen Abschwung glauben, sondern weil wir die Portfolios unserer Kunden diszipliniert steuern: Wenn Märkte stark gestiegen sind, verändern sich Portfoliogewichte, Bewertungen und künftige Renditeerwartungen. Dann ist es sinnvoll, einen Teil der Gewinne zu sichern, statt Positionen unkontrolliert weiter wachsen zu lassen.
Unternehmensgewinne: Die Latte für weitere Kursanstiege liegt hoch
Das erste Halbjahr hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, in unsicheren Zeiten investiert zu bleiben. Geopolitische Spannungen, steigende Ölpreise und wechselnde politische Erwartungen haben die Märkte immer wieder belastet. Dennoch blieb die Konjunktur widerstandsfähig, und die Unternehmensgewinne fielen überwiegend besser aus als erwartet. Das hat die Aktienmärkte unter dem Strich weiter nach oben getrieben.
Grundsätzlich positiv gestimmt bleiben wir, weil wir erwarten, dass Unternehmensinvestitionen in KI, staatliche Ausgabenprogramme und eine mögliche Erholung des verarbeitenden Gewerbes die Unternehmensgewinne weiter stützen dürften. Nach der starken Rally werden weitere Kursgewinne allerdings stärker vom tatsächlichen Gewinnwachstum abhängen müssen als von steigenden Bewertungen.
Genau deshalb reduzieren wir das Aktienengagement nur moderat. Wir realisieren einen Teil der Gewinne, bleiben aber weiterhin ausreichend investiert, um an weiter steigenden Märkten zu partizipieren.
Liquidität und Anleihen sind wieder echte Portfoliobausteine
Bei geringeren Engagements in einem Bereich stellt sich immer die Frage, in welchen anderen Bereichen das Engagement spiegelbildlich ausgebaut wird. Wir haben entschieden, einen Teil der freien Mittel defensiv in Geldmarktinstrumente umzuschichten. Ein kleinerer Teil floss in europäische Staatsanleihen.
In den Jahren nach der globalen Finanzkrise bot Liquidität kaum Rendite. Das hat sich verändert. Nach der jüngsten Leitzinserhöhung der Europäischen Zentralbank sind kurzfristige Zinsen wieder attraktiver geworden. Cash liefert damit Ertrag und erhält zugleich Flexibilität. Auch hochwertige Staatsanleihen bieten heute wieder laufende Erträge, die lange Zeit kaum verfügbar waren.
Hinzu kommt ihre Diversifikationsfunktion. Sollte sich das Wachstum verlangsamen oder die Marktvolatilität zunehmen, können Staatsanleihen helfen, Portfoliorisiken abzufedern. Höhere Renditen bedeuten, dass Anleger für diese Stabilität nicht mehr so viel Renditepotenzial aufgeben müssen wie in der Vergangenheit.
Strategie schlägt Timing
Erfolgreiches Investieren besteht selten darin, auf Schlagzeilen zu reagieren. Wichtiger ist es, Portfolios schrittweise an veränderte Marktbedingungen anzupassen. Genau das tun wir jetzt.
Aktien bleiben unverzichtbarer Kernbestandteil des Portfolios, um langfristig realen Kapitalerhalt oder -zuwachs zu erreichen. Taktisch bevorzugen wir weiterhin die USA und die Schwellenländer, wo Wachstums- und Gewinnaussichten robuster erscheinen als in Europa. Gleichzeitig rechtfertigen höhere Renditen bei Liquidität und hochwertigen Staatsanleihen eine ausgewogenere Allokation.
Unterm Strich geht es für uns nicht darum, jetzt auf eine risikoaverse Linie einzuschwenken. Es geht darum, nach einer starken Rally erzielte Gewinne zu sichern, selektiver zu werden und Portfolios widerstandsfähiger aufzustellen. Investiert bleiben ja – aber mit mehr Disziplin.
Über den Autor:
Stefan Duderstedt, CFA, leitet den Bereich Investment & Client Solutions bei der Privatbank Merck Finck, die zur in Europa und Großbritannien agierenden Quintet Private Bank gehört. Im Blitzlicht der Woche kommentiert der Experte für Investmentstrategien aktuelle Trends rund um die Vermögensallokation.
Stefan Duderstedt, CFA, leitet den Bereich Investment & Client Solutions bei der Privatbank Merck Finck, die zur in Europa und Großbritannien agierenden Quintet Private Bank gehört. Im Blitzlicht der Woche kommentiert der Experte für Investmentstrategien aktuelle Trends rund um die Vermögensallokation.
