Berichtssaison Q3 2026: Der Gewinnboom muss breiter werden
Die Berichtssaison startet mit außergewöhnlich hohen Gewinnerwartungen. Der entscheidende Punkt ist aus unserer Sicht aber ein anderer: Sowohl in den USA als auch in Europa ist das Gewinnwachstum deutlich stärker konzentriert, als die Indexzahlen vermuten lassen. In den USA wird das Gewinnwachstum vor allem von den großen Technologiekonzernen und den Profiteuren des Ausbaus der KI Infrastruktur getragen, in Europa von Energie- und Rohstoffunternehmen. Für den S&P 500 rechnen Analysten im dritten Quartal mit einem Gewinnwachstum von rund 27 bis 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit könnte es bereits das dritte Quartal in Folge mit einem Gewinnplus von mehr als 25 Prozent werden. Bemerkenswert ist zudem, dass die Schätzungen zuletzt nicht gesenkt, sondern weiter angehoben wurden. Einen ersten Hinweis auf die Verfassung der US-Wirtschaft haben gestern die großen Banken geliefert, die traditionell den Auftakt der Berichtssaison markieren. Die Zahlen fielen insgesamt robust aus – und deuten bislang nicht auf eine ausgeprägte Abschwächung der US-Konjunktur hin. Auch die Aktienmärkte spiegeln diesen Optimismus wider. Der S&P 500 markierte zuletzt erneut ein Allzeithoch und liegt seit Jahresbeginn rund 14 Prozent im Plus. Europäische Aktien zeigen sich trotz höherer Zinsen und gestiegener Energiepreise ebenfalls robust; der STOXX Europe hat seit Jahresbeginn etwa 7 Prozent gewonnen.
Starke Zahlen, aber keine breite Stärke
Auch bei der Bewertung lohnt der Blick auf die Einzelwerte. Der US-Markt erscheint auf Indexebene weniger teuer, als es die Kursstände zunächst vermuten lassen. Dieser Eindruck ist jedoch stark von wenigen Mega Caps geprägt, deren Gewinne in den vergangenen Quartalen massiv gestiegen sind. Ohne diese Unternehmen wäre der übrige Markt bereits deutlich näher an einer fairen Bewertung. In der Berichtssaison dürfte es daher vor allem darauf ankommen, ob sich das Gewinnwachstum verbreitert. Besonders Large Caps haben bislang vom Ausbau der KI-Infrastruktur profitiert, während Small Caps im dritten Quartal zurückfielen. Wichtig wird sein, ob künftig auch Unternehmen jenseits der großen KI-Gewinner stärker zum Gewinnwachstum beitragen können.
Bei KI reicht es nicht mehr, Erwartungen zu schlagen
Besonders im Fokus stehen deshalb die Hyperscaler, von denen die meisten in der letzten Oktoberwoche berichten werden. Bei ihnen reicht es nicht mehr, die Gewinnerwartungen lediglich zu übertreffen. Entscheidender ist, ob sich die enormen Investitionen in KI-Infrastruktur auch in dauerhaft höheren Erträgen und Cashflows niederschlagen. Nachdem sich die Modelle zuletzt deutlich verbessert haben und die Zahl der Anwendungsfälle weiter zunimmt, steigt zugleich der Druck, den wirtschaftlichen Nutzen dieser Investitionen zu belegen.
Europa: Gewinnwachstum mit anderem Motor
Auch Europa geht mit hohen Erwartungen in die Berichtssaison. Die Konsensprognosen bewegen sich je nach Quelle und Berechnungsbasis bei einem Gewinnwachstum von rund 21 bis 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Unterstützend wirken positive Gewinnrevisionen, verbesserte Einkaufsmanagerindizes und die Schwäche des Euro. Anders als in den USA sind es weniger die großen Technologiekonzerne, die den Gewinnzyklus prägen. Ein erheblicher Teil des erwarteten Wachstums kommt aus dem Energie- und Rohstoffsektor. Das europäische Technologiesegment zeigt ebenfalls Dynamik, während insbesondere Immobilien deutlich schwächer erwartet werden.
Höhere Zinsen erhöhen die Messlatte
Hinzu kommt ein anspruchsvolleres makroökonomisches Umfeld. Steigende Zinsen und höhere Energiepreise erhöhen den Druck auf Finanzierungskosten und Margen. Für viele Unternehmen reicht es daher nicht aus, lediglich Umsatzwachstum zu liefern. Aus unserer Sicht wird entscheidend sein, ob sie ihre Profitabilität auch unter schwierigeren Rahmenbedingungen verteidigen können. Fazit Im direkten Vergleich bleibt der US-Gewinnzyklus stärker. Hier muss sich zeigen, ob die Unternehmen außerhalb der großen KI-Gewinner Anschluss finden. In Europa geht es darum, ob die Gewinnstärke auch jenseits von Energie und Rohstoffen nachhaltig Bestand hat. Bleibt das Gewinnwachstum auf wenige Sektoren und Unternehmen konzentriert, wäre die fundamentale Unterstützung für die hohen Indexstände entsprechend schmal.
Über den Autor: Marc Decker ist Co-Leiter Aktien bei der europaweit agierenden Quintet Private Bank, zu der die deutsche Privatbank Merck Finck gehört. Im Blitzlicht der Woche kommentiert der Experte regelmäßig aktuelle Entwicklungen an den internationalen Aktienmärkten..
